Schnaps neben dem Grab - Truhe auf dem Friedhof gefunden

Text | Dorfgeschichten, Personen, Betriebe | Donnerstag, 22 Februar 1990

Der Spur eines mysteriösen Fundes gefolgt - eine Schatzkiste öffnet sich

Von Sylvia Schmidt

Ich fand diesen Zeitungsausschnitt mit der Überschrift „Schnaps neben dem Grab“, die Fotokopien eines Fotos mit einer abgebildeten Frau und einer Auflistung mit Notizen in Unterlagen, die Elmar Höffer aus Schladern mir für WiWa überlassen hat. Was hat es wohl mit der Geschichte auf sich? So eine skurrile Sache macht natürlich brandneugierig. Ich schaue mir alles in Ruhe an.

"Schnaps neben Grab
Mysteriöse Truhe auf dem Friedhof gefunden

MYSTERIÖSER FUND auf dem Friedhof: Eine Truhe mit Daten und dem Foto einer 1955 gestorbenen Frau. Bild: Röhrig

Windeck-Schladern (rö) Ein mysteriöser Fund auf dem Schladerner Waldfriedhof beschäftigt die Verantwortlichen des Friedhof-Vereins. In der Nähe eines Grabes hatte eine Frau eine kleine Truhe mit Kupferdach entdeckt, die ein Unbekannter mit einem Rohr in der Erde befestigt hatte. Die Vertreter des Friedhofsvereins staunten nicht schlecht, als sie den Inhalt des merkwürdigen Kastens inspizierten.

Denn in der Truhe fanden sie Zehnpfennigstücke im Gesamtwert von rund 20 Mark, ein Dutzend Fläschchen mit Schnaps und Likör sowie ein Bündel mit Papieren und einem Buch vom Volkskundemuseum in Berlin. Auch das Foto einer Frau und Angaben dazu, die ebenfalls in der Truhe lagen, führten nicht zur Lösung des Rätsels, sondern machten die ganze Sache nur noch mysteriöser.

Denn die Frau, zu der Angaben und Bild paßten, war bereits im Jahr 1955 gestorben und auf dem Waldfriedhof beigesetzt worden. Inzwischen ist auch schon die Ruhezeit für das Grab der Frau abgelaufen. Enge Verwandte sind ebenfalls nicht bekannt, wie vom Vorstand des Friedhof-Vereins zu erfahren war.

Wer Informationen zu dem mysteriösen Fund machen kann, soll sich beim Vorsitzenden des Friedhof-Vereins, Willy Theihs, oder bei dessen Stellvertreter, Edmund Becker melden."

Dann folgt diese Kopie einer Fotografie von einer Gertrud Lankers.

Gertrud Lankers
* 15. November 1872 Oberhausen
+ 13. April 1955 Rheinische Landesklinik Bonn

Zuletzt liegt noch diese Aufzählung dabei. Sie lag wohl auch in dem Kästchen. Beim Lesen wird man nicht recht klug daraus, weil man den Urheber nicht kennt. Dort steht zu lesen:

"Was ich von ihr weiß, ist nicht viel.

* Sie war Haushälterin hier in Schladern, da unten an der Sieg, in dem Haus über dem Wasserfall, bei Herrn Preschlin, der die Kupferrohrfabrik Elmores leitete.
* Er war und blieb ein Junggeselle und Oma Mauel - so nannten wir sie - muß ganz gut mit ihm zurechtgekommen sein; denn ihr Altersruhesitz in Mauel auf dem Heidchen war herrlich ausgestattet.
* Dort bin ich auch fast 26 Jahre gewesen. Mit ihr zusammen leider nur 9 3/4 Jahre. Von ihr war der Roller, einer mit aufpumpbaren Reifen, einer Klingel, einer Vorder- und einer Rückbremse. Mit ihm sammelte ich für unsere Enten Kartoffelschalen ein. Die Besten gab es in der Burg, bei Familie Simmer. Mit ihm nahm ich das Töchterchen der Zugehfrau mit.
* Oma Mauel, Fräulein Gertrud Lankers, bestimmte das kleine große Leben in der Fabrik und am Ort mit. Resolut und nach ihrem Willen freigebig und großherzig: Wehe, wenn es ihr jemand nicht rechtmachte.
* Koks, Eierkohlen, Brikett, Anthrazit, lieferte Höffer Schladern.
* Für die Männer gab es dann einen Klaren. Sie war gesellig, nahm dann auch einen, ein deftiges Wort, eine kernige Zote fehlten nicht: Lachen und fluchen gehörte dazu.
* Kinder fühlten sich bei ihr wohl, da gab es Bonbons, Aufbessern des Taschengeldes, Eis, dies und das aus dem Leben erzählt, kaum Weihwasser und -rauch, treffende Aphorismen aber auf das karge, oftmals böse Leben, Bratkartoffeln und auch Wurst.
* Im Alter hat Oma Mauel dann manchen Tag ihren Zorn nicht zurückhalten können. Zorn aus dem langen bösen Leiden an ihrer Zeit: Karge Kindheit, verkuppelt kurze Zeit mit einem sadistischen "Kerl", Scheidung, Behördenschabernak trotz preußischer Gründlichkeit, denn sie bekam ohne jeden Vermerk ihren Mädchennamen, Fräulein Gertrud Lankers, wieder; jedoch keine Ehe mehr: Denn über den katholischen Sadismus "bis das der Tod euch scheidet" kam sie nicht weg, da fehlte ihr einfach die Kraft.
* Im Dorf nannte man später dann diesen tollen Alterszorn "der Teufel hat die Alte gepackt" nicht ohne stilles Vergnügen; später dann zerriß sich das Dorf sein Maul über ihre Nichte, als diese Fräulein Lankers unter Altersirren im Landeskrankenhaus Bonn sterben ließ.
* Für die Männer einen Klaren, für die Frauen auch, für die Kleinen - Mädchen/Jungen - ein paar Groschen für' s Eis, so war sie, so ist sie.
* Wer mehr und auch noch anderes weiß, schreibe es auf diese Zettel, lege sie in diesen Kasten; denn Wanderern (durch' s Leben) bringt es Freude, Bekanntes und Unbekanntes zu finden und zu beobachten, was sich unter und zwischen den Menschen - auch lebenden und toten — tut.

Düren, Weiberfastnacht 1990 Donnerstag, den 22.02.1990"

Die Sache ist zu interessant, um sie unbeachtet wegzulegen. Gertrud Helene Lankers hießt die Frau also. Nie gehört! Aus dem Schriftstück geht hervor, dass sie „Auf dem Heidchen“ in Mauel gewohnt haben soll.

Etwas klingelt in meiner Erinnerung. Es dürfte sich um das wunderschöne, etwas zurückliegende Haus auf der linken Seite am Ortsausgang Richtung Lindenpütz handeln. Ich weiß zufälligerweise wer der heutige Besitzer ist und kenne ihn persönlich: Frank Vogel aus Dattenfeld. Vor vielen Jahren habe ich irgendwo einmal eine Randbemerkung über das Haus, Direktor Preschlin und eine Frau aufgeschnappt, die dort gewohnt haben soll. War damit Gertrud Lankers gemeint gewesen?

Bei mancher Frage hat mir mein Vereinskollege Thomas Weber weitergeholfen, denn er ist auch der Vorsitzende vom Friedhofsverein Schladern. Bei ihm frage ich nach. Zwar ist ihm die Geschichte vom mysteriösen Vorfall auf dem Friedhof nicht bekannt, es gibt dazu keine Unterlagen mehr, doch ich erfahre, dass Gertrud Lankers in der Familiengrabstätte Schiefer begraben liegt, die noch immer existiert, rechts vom Denkmal, zwischen den Grabstätten Caminneci und Hofheinz. Inhaber des Nutzungsrechts ist, na wer wohl: Frank Vogel.

Aber bevor ich mit ihm Kontakt aufnehme, schaue ich mir die Grabliste an. Warum liegt Gertrud Lankers in diesem Familiengrab?

Es liegen dort:

* Auguste Schiefer, geb. Lankers, am 4.4.1877 geboren in Fintrop, gestorben am 13.7.1951.

* Rainer Heinrich Schiefer, Werkmeister in Ruhe, geboren am 21.2.1872 in Oberhausen, gestorben am 9.2.1959.

Auguste, geb. Lankers, und ihr Mann Rainer Schiefer.

Auch ihre Tochter Sophie Poppel liegt im Familiengrab.

* Sophie Wilhelmine Poppel, geb. Schiefer, am 18.9.1900 in Oberhausen, gestorben 24.12.1981. Witwe des Kaufmanns Franz Joseph Ludwig Poppel, Sohn des Bauunternehmers F. J. Poppel.

* Gertrud Helene Lankers, geb. am 15. November 1872 in Oberhausen, gestorben am 13. April 1955 in der Rheinischen Landesklinik Bonn.

Gertrud und Auguste haben also den gleichen Geburtsnamen. Den Geburtsdaten nach könnte es sich um Schwestern handeln. Jedenfalls sind sie miteinander verwandt. Und Sophie Poppel, geb. Schiefer, die kenne ich sogar sehr gut, denn sie war in meiner Kindheit unsere Nachbarin und wohnte in der Nachtigallengasse in Schladern.

Also rufe ich Frank Vogel an, der jetzt 88 Jahre alt ist, und nun öffnet sich eine Schatzkiste, auf die ich nicht erwartet habe.

Frank Vogel erzählt:

„Gertrud Lankers war meine Großtante. Sie war die Schwester von Auguste Schiefer, meiner Oma.

Gertrud, wir Kinder nannten sie Oma Lankers, war als junge Frau mit einem Trunkenbold verheiratet gewesen, der sie sehr schlecht behandelt hat. Sie ließ sich scheiden. Damals konnten geschiedene, katholische Frauen nicht nochmal kirchlich heiraten, sie musste wieder ihren Mädchennamen annehmen.

Dies ist die einzige Fotografie, die ich von meiner Großtante Gertrud Lankers habe, aufgenommen vor dem Eingang ihres Hauses in Mauel, heute Preschlin-Allee 4.

Wie Gertrud als Hausdame zum unverheirateten Direktor Preschlin (Elmore’s) nach Schladern kam, lässt sich nicht mehr sagen. Für sie hatte er das großzügige Haus in Mauel gekauft und sie mit einer Rente ausgestattet. Gertrud war im Ersten Weltkrieg maßgeblich am Lazarettbau bei Elmores beteiligt gewesen, vermutlich organisatorisch. Die Straße von Elmores nach Mauel wurde später in Preschlin-Allee umbenannt.

Die Töchter ihrer Schwester Auguste, Sophie und Hedwig, sollen nach Erzählungen in der Familie bei ihren Besuchen bei der Tante in Mauel die Männer verrückt gemacht haben. Dazu braucht man sich nur das nächste Foto der Geschwister Schiefer anzuschauen.

Die bildschönen Kinder von Auguste und Rainer Schiefer
v. li. Sophie (Poppel), Josef Schiefer und Hedwig (Vogel).

Sophie war die Schwester meiner Mutter und meine Patentante. Sie war vor ihrer Heirat mit einem Prokuristen von Elmore’s befreundet gewesen und sehr enttäuscht, als der nach Ägypten auswanderte. Sophie heiratete den Kaufmann Franz Joseph Ludwig Poppel (Burg-Windeck-Straße 11) aus Schladern, den Sohn des Bauunternehmers F. J. Poppel. Franz Poppel war im Ersten Weltkrieg mit dem Flugzeug abgestürzt und blieb danach einseitig gelähmt. So wie Oma Lankers waren auch Franz und Sophie Poppel immer sehr großzügig und freigebig.

Meine Mutter Hedwig heiratete den Studienrat Joseph Vogel (Burg-Windeck-Straße 2)
aus Schladern. Josephs Schwester, Adelheid Frisse, hatte ein Lebensmittelgeschäft

1933 heirateten meine Eltern

u. v. li: die Braut Hedwig Vogel, geb. Schiefer sitzt zwischen ihrem Schwager Franz Poppel und ihrer Schwester Sophie Poppel, geb. Schiefer. Im Hintergrund die Brauteltern Rainer und Auguste Schiefer mit Gästen (der Bräutigam hat fotografiert).

Die Familie ihrer Schwester Auguste war ihr gefolgt.

Wir (ich Frank) sind zu fünf Geschwistern im Haus von Oma Lankers aufgewachsen. Für meinen Bruder Klaus und mich war „Oma Lankers“, so haben wir Gertrud genannt, die Lieblingsperson in Mauel, wir haben sie über alles geliebt. Ihr Schwager Rainer war für uns der Opa.

Die Familie von Frank Vogel um 1950

u. v. li.: Klaus (Jhrg. 45), Rainer und Auguste Schiefer, Tochter Hedwig Vogel mit Erika
o. v. li.: Bernd, Frank, Vater Josef und Gerd Vogel

Im Alter erkrankte Oma Lankers an Alzheimer. Einer meiner Brüder hat sich da auch um sie gekümmert. Er war es auch, der das Kästchen und den Inhalt auf dem Friedhof abgestellt hatte.“

Ende"

Dank des abgestellten Kästchens hat dieser Bruder seine „Lieblingsoma“ vor dem Vergessen bewahrt, denn jetzt bekommt sie und ihre Familie einen Platz in unserer WiWa-Infothek.

Direktor Preschlin ging übrigens 1924 zurück in die Schweiz. Hier noch Ausschnitte von Beiträgen zu seinem Begräbnis im Jahr 1938 in Oberuzwil in der Schweiz.

"Lebensbild von Paul Ernst Preschlin, a. Dir.

dargestellt nach persönlichen Aufzeichnungen des Verstorbenen.

Paul Ernst Preschlin wurde am 28. Februar 1861 in Oberuzwil geboren als zweiter Sohn des Joh. Heinrich Preschlin von Thundorf und der Kath. Pauline geb. Forster. Von seinen sieben Geschwistern sind heute nur noch zwei Schwestern am Leben, zwei starben im zartesten Kindesalter, die älteste Schwester im Jahre 1911 und im Jahre 1919 raffte eine Grippe-Lungenentzündung die zweite Schwester dahin. Ihr folgte im Dezember 1934 der älteste Bruder im Tode nach. Sein Vater, der damals in der Jacquard-Fabrik seines Schwiegervaters, Gemeindeammann J. C. Forster, in Oberuzwil tätig war, verstand es, seine eigene große Liebe zur Mechanik und allen anderen Gebieten der Technik schon früh auf seinen Sohn Ernst zu über- tragen, sodaß der Kurs seines Lebensschiffleins fest- gelegt war, lange schon, bevor dieser zum erstenmal den Schultornister umschnallte.

Heiter waren die ersten Jugendjahre; nichts dämmte den jungen Tatendrang, und im Vaterhause selbst herrschte beste Harmonie zwischen den Eltern und ein schönes Einvernehmen zwischen den Geschwistern, das Zeit seines Lebens bestehen blieb.

Nach Absolvierung der Primar- und Realschule seines Geburtsortes bezog er die Maschinenbauabteilung des Technikums Winterthur, wo er sich das Diplom als Maschinentechniker erwarb. Seine praktische Ausbildung erhielt er in einer drei- jährigen Lehrzeit in der Maschinenfabrik Gebrüder Benninger in Uzwil. Hier wurde er schon als Lehrling mit der Aufstellung von Webstühlen und Stickmaschinen in der Ostschweiz und im bayrischen Oberland betraut.

Eine besondere Anerkennung seines selbständigen Arbeitens und für ihn eine große Freude war es, als er 1879 im Auftrage seiner Firma für ein halbes Jahr nach Spanien reisen konnte, um einige Ausstellungsmaschinen aufzustellen. Hier fand er nicht nur zum ersten Mal Gelegenheit, ganz auf sich selbst angewiesen, seine Kenntnisse zu verwerten und sein praktisches Geschick an den Tag zu legen, sondern auch viel Neues und Interessantes zu sehen und zu erleben. Alle technischen Neuerungen und Erfindungen erweckten sein lebhaftes Interesse. Als sein Vater ihm von Edison's aufsehenerregender Erfindung des Phonographen erzählte, machte sich der Lehrling in seiner Freizeit an die Konstruktion einer solchen Sprechmaschine, was ihm, mit einfachsten Hilfsmitteln so gut gelang, daß die erste Vorführung bei seinen Mitbürgern große Begeisterung auslöste. Seine nachfolgende, als Techniker bei der Maschinenfabrik St. Georgen b. St. Gallen ausgeübte, dreijährige Tätigkeit galt der Konstruktion von Hand- und Schifflistickmaschinen, wobei ihm wesentliche Verbesserungen des Systems gelangen.

Als die damals junge Elektrotechnik ihren Siegeslauf begann, entschloß er sich, sich diesem Gebiete zuzuwenden, und die sich ihm bietende Gelegenheit, bei einem Londoner elektrotechnischen Werke eine Anstellung zu finden, zu benützen. In einer dreijährigen Tätigkeit als Elektroingenieur bei Woodhouse & Rawson fand er Gelegenheit, sich in diese, ihren Aufstieg nehmende, neue Industrie einzuarbeiten. Auch hier geschah es in gründlicher Weise, indem er sich zunächst als Arbeiter an Schraubstock und Drehbank stellte und in der Herstellung von Apparaten und Instrumenten für die Elektrotechnik tätig war, dann im technischen Bureau seine Kenntnisse mehrte, war doch das Arbeitsgebiet des Werkes ein außerordentlich vielseitiges und ihm mannigfach Gelegenheit geboten seine Ideen zu verwirklichen und seinen Schaffensdrang zu befriedigen. Es war aber für ihn, der sich in den Kopf gesetzt hatte, sich ohne väterliche Nachhilfe durchzuschlagen, in ihren Anfängen auch eine entbehrungsreiche Zeit, die aber seinen Willen, das sich vorgesetzte Ziel zu erreichen, nur um so mehr festigte, so daß es ihm nichts ausmachte auch etwa knapp durchzumüssen und ob einer Arbeit einmal fünf Nächte hintereinander nicht ins Bett zu kommen.

Eifrig war er auch auf seine theoretische Weiterbildung bedacht, war ihm doch Gelegenheit geboten das Studium der Elektrotechnik an der technischen Hochschule Londons, der City & Guilds of London Institution, fortzusetzen. Der Wunsch, sich weiter in der Welt umzusehen, führte ihn im Frühjahr 1888 nach Ungarn, indem er als Ingenieur in die Dienste des damals bedeutendsten europäischen Werkes der Elektrotechnik, der Firma Ganz & Cie. in Budapest trat, wo er bald zum Betriebs-Chef und Chef des Konstruktionsbureaus aufrückte, in dem ihm mehr als zwanzig Ingenieure und Techniker unterstellt waren. In die Zeit seines dortigen Wirkens fiel die Planierung und der Bau der städtischen Elektrizitätswerke von Wien, Rom, Budapest, Karlsbad, Innsbruck, Montevideo, San Paulo, Melbourne etc.

Zu seinem eigentlichen Lebenswerk wurde in der Folge dann die Errichtung und Leitung eines großen, englischen Kupferwerkes im Rheinland, der Elmores Metall A.-G. in Schladern a/Sieg. Es galt ein noch nicht praktisch erprobtes, neues Fabrikationsverfahren zur Herstellung von nahtlosen Kupferrohren und Kupfercylindern auf elektrolytischem Wege, in technischer und wirtschaftlicher Beziehung in die Höhe zu bringen. Stetig und unentwegt ging es im täglichen, harten Kampf mit immer neuen Schwierigkeiten von Stufe zu Stufe aufwärts, wobei er von seinem Landsmann und nachherigen Schwager, Herrn Ed. Halter, aufs wirksamste unterstützt wurde. Dieses Werk brachte er in 33-jähriger Tätigkeit als technischer und kaufmännischer Direktor von kleinen Anfängen zu einem führenden seiner Branche in der ganzen Welt. Er wurde Lieferant der Kriegs- und Handelsmarinen und der Eisenbahnverwaltungen der meisten europäischen Länder. Seine Leistungen brachten ihm aus allen Weltausstellungen die höchsten Auszeichnungen ein und seine Bedeutung für die deutsche Industrie die große, goldene Staatsmedaille, die höchste Auszeichnung, die das Reich für gewerbliche Leistungen zu vergeben hatte.

Schwere, aufreibende Tätigkeit brachte ihm die Kriegs- und Nachkriegszeit. Wenn das Unternehmen, das englischer, also feindlicher Besitz war, nicht der Beschlagnahmung und Zwangsliquidation verfiel, so geschah dies nur dank der guten Beziehungen und des freundschaftlichen Verhältnisses des Verstorbenen zu den maßgebenden Kreisen und dank seiner charakterfesten Persönlichkeit, die das volle Vertrauen sowohl der Behörden als auch der Arbeiterschaft hatte. Prof. Dr. Schmalenbach in Köln, der während der Kriegszeit das Mandat eines Zwangsverwalters der Elmores Metall A.-G. innehatte, hat denn auch bei der Niederlegung des Mandatetes bestätigt, daß Dir. E. Preschlin es verstanden habe, bei der Wahrung der Interessen, die ihm als Gesellschaftsvorstand und Vertreter der englischen Aktionäre oblag, und der Pflichten, die während des Krieges von jedem Staatsbürger zu erfüllen waren, den richtigen Ausgleich zu finden.

Recht kritische Situationen gab es öfters für ihn zur Revolutionszeit, als Arbeiter- und Soldatenräte gebildet wurden; doch verlor er nie seine Ruhe und Sicherheit, und er brachte das Werk glücklich durch diese Krise hindurch. Am kritischsten, wenn auch in anderer Beziehung, wurde die Sachlage für ihn in der Zeit, als die zerfallende deutsche Währung auch den Zusammenbruch des Unternehmens befürchten ließ. Das Vertrauen, das er auch bei Arbeiter- und Beamtenrat sich rasch erwarb, seine in reicher Erfahrung erworbene Tüchtigkeit in der Geschäftsführung, seine Anerkennung berechtigter Wünsche der Arbeiterschaft und die offene Darlegung der Verhältnisse des Werkes einerseits, wie die von der Arbeiterschaft und deren Führern bekundete Vernunft und Einsicht und Bereitwilligkeit zur Mitarbeit um das Werk zu halten, brachten es auch über diese schwierigste Krise hinweg.

Nach Eintritt normaler Verhältnisse und geordneten Geschäftsganges hat er dann im Frühjahr 1924 die seit 33 Jahren innegehabte Stellung als Leiter des von ihm gebauten und zu einem führenden seiner Branche gewordenen großen Werkes niedergelegt und ist in den Ruhestand getreten. Es entsprach dem altruistischen Wesen und der sozialen Gesinnung des Verstorbenen, daß er auch am öffentlichen Leben seiner engeren Adoptivheimat, zu der ihm die Gegend dort nach seiner Naturalisation in Preußen geworden war, lebhaften Anteil nahm als:

Mitglied des Kreistages;
Mitglied des Verwaltungs-Ausschusses des Kreises Waldbröl;
Mitglied der Bonner Handelskammer und
Stellvertr. Vorsitzender des Kreisvereins vom roten Kreuz.

Er förderte die Interessen des Wirtschaftsgebietes, in welchem er tätig war, als:

Vorsitzender der technischen Kommission des Verbandes deutscher Kupferrohr-Werke; Vorstandsmitglied vorgenannten Verbandes und Mitglied des Fach-Ausschusses der Preis-Prüfungsstelle für die deutsche Metallindustrie.

Anläßlich seines Uebertrittes in den Ruhestand und der Uebersiedelung in seine schweizerische Heimat, ist ihm von den beiden Gemeinden Rosbach/Sieg und Dattenfeld das Ehrenbürgerrecht verliehen worden, und als sichtbares Zeichen der Anerkennung und Dankbarkeit, läßt die Ernst Preschlin-Allee seinen Namen an der Stätte seiner langjährigen Tätigkeit weiterleben. Der Weggang hat in keiner Weise die Verbundenheit mit der Gegend seines langjährigen Wirkens gelockert. So nahm er als Mitglied des Verwaltungsausschusses des Kreises Waldbröl, (ehrenhalber auf Lebenszeit), auch fernerhin wesentlichen Anteil am weiteren Ausbau der Kreis-Elektrizitätsversorgung.

Die Erfüllung seiner vaterländischen Wehrpflichten hat er, trotz seiner 40-jährigen Abwesenheit im Auslande, nicht versäumt. Als Genie-Offizier, zuerst dem Genie-Bataillon 7 zugeteilt, später dem Regimentsstab 26, wurde er als Hauptmann in den Divisionsstab 7 als Adjutant des Divisions-Ingenieurs versetzt. Die im Laufe der Jahre dann eintretende Unabkömmlichkeit vom Geschäft, ließ ihn etwas früher als gewünscht den Schlußstrich ziehen unter seine militärische Laufbahn.

Ein schwankender Gesundheitszustand, als Folge eines Uebermaßes von Arbeit während des Weltkrieges, wo ihm außer seinen vermehrten geschäftlichen Verpflichtungen auch noch die Betreuung eines von ihm eingerichteten Verwundeten-Lazarettes für 130 Mann, die Kriegsgefangenen-Fürsorge, der Liebesgabendienst für die Frontsoldaten, die Hilfe für die notleidenden An- gehörigen derselben in der Heimat und der Vermi?tennachweis für das Gebiet der beiden Gemeinden Rosbach und Dattenfeld oblagen, hat die Zahl der guten Tage, die ihm in seinem Ruhestand noch verblieben, verkürzt.

Die letzten Jahre seines Lebens brachten wiederholt ernsthafte Störungen, die stetsfort hausärztliche Behandlung und länger dauernden Spitalaufenthalt nötig machten. Nichts wurde versäumt, was ärztliche Kunst vermochte, die schwache Lebensflamme immer wieder zu halten und zu beleben.

Beeinflußt durch sein Leiden, nahm in letzter Zeit auch die Sehkraft ab und drängte zur Vornahme einer Augenoperation. Des Erfolges konnte er sich nicht mehr erfreuen. Nach einem mehr als drei Monate dauernden Spitalaufenthalt und kurzen Erholungstagen in seinem Oberuzwiler Heim, wohin ihn tiefgewurzelte Liebe zur angestammten Heimat immer wieder führte, kehrte er vor 8 Tagen in seine Zürcher Wohnung zurück, wo ihn am Mittwoch Abend, in relativem Wohlbefinden, eine Gehirnblutung aufs Krankenlager warf, das er nicht mehr verlassen sollte.

Ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben, schlummerte er Samstag, den 3. September 1938, vormittags, sanft und ohne Kampf hinüber in die ewige Heimat, in einem Alter von 77 Jahren, 6 Monaten und 3 Tagen, als der Letzte seines Stammes."

Das vollständige Dokument kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Frank Vogel erzählte, dass ab meinem Haus - Burg-Windeck-Straße 10 - auf dieser Seite der Straße in seiner Kindheit keine Häuser gestanden haben. Es hätte dort prächtige Gärten bis zum Haus Stranghöhner/Fehn gegeben.

Wenn jemand davon ein Foto haben sollte, WiWa würde sich über einen Scan für die Infothek freuen.

 

 

 

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Windeck, Nordrhein-Westfalen.
Deutschland ,51570

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