Bombenangriff auf Rosbach 1945

Text | Dorfgeschichten, Weltkriege, Personen | Freitag, 02 Februar 1945

Erschienen im Stadt Magazin Eitorf Februar 2005
 
 von Sylvia Schmidt

 Das aktuelle Tagebuch
 28. bis 30. Januar

Bevor sich das fürchterliche Inferno, das 34 englische Kampfflugzeuge nach ihrer Bombardierung auf Rosbach hinterließen, am 2. Februar zum 60. Mal jährte, erinnerte der Förderverein Historisches Rosbach mit einer dreitägigen Ausstellung an dieses unvergessliche Ereignis. Unterstützt wurde diese auch von den katholischen und evangelischen Kirchengemeinden, dem Bürgerverein und dem MGV „Concordia“ Rosbach.
Der Rosbacher Thomas Erdmann hatte in vielen Jahren Bilder von der Zerstörung des Ortes und von Menschen, die damals umgekommen waren, sowie Dokumente aus dieser Zeit zusammengetragen. Vor einigen Jahren übergab er seine Sammlung an den Förderverein Historisches Rosbach, der sie nun einer großen, interessierten Öffentlichkeit zugänglich machte.
62 Zivilisten und 20 Wehrmachtsangehörige überlebten den Angriff nicht, 70 Menschen erlitten Verletzungen und Hunderte waren in den Trümmern des nahezu vollständig zerstörten Ortskerns verschüttet. Eine von ihnen war Elisabeth Walter, geborene Käsberg, aus Schladern, damals 16 Jahre alt. Sie war Sprechstundenhilfe des Rosbacher Arztes Doktor Dominick, der seine Praxis etwa dort hatte, wo heute das Fremdenverkehrsamt seinen Sitz hat. Sie erzählt dem Stadt Magazin, wie sie den Bombenangriff erlebte.
„Wie an jedem Morgen ging ich zu Fuß nach Rosbach. Draußen lag Schnee, es war matschig, vielleicht war das der Grund, dass an diesem Tag ungewöhnlich wenig Patienten im Wartezimmer saßen. Kurz vor dem Angriff warteten noch drei Personen auf ihre Behandlung, unter anderem ein Herr Christian Becker aus Rosbach mit seinem neun Jahre alten Sohn. Der Vater stürmte ins Behandlungszimmer: „Herr Doktor, kommen sie mal schnell raus, da sind Tiefflieger, es wurde etwas abgeworfen.“ Sie liefen nach draußen, und ich lief gegen meine Gewohnheit hinter dem Doktor. her, der meinte, es handele sich bestimmt um Flugblätter. Schon wurden wir von einer furchtbaren Detonation ergriffen, alles barst und brach über uns zusammen. Wir wurden von Schuttmassen auf die Erde gedrückt. Ich wollte nur noch sterben, eine unerträgliche Last lag auf mir, ich konnte kaum atmen. Ich lag auf dem Rücken, Doktor Dominick lag mit dem Gesicht im Schutt neben mir, Herr Becker lag unterhalb, er rief immer wieder: „Wo ist mein Sohn?“ Wir konnten trotz des riesigen Bergs über unseren Körpern miteinander kommunizieren, ich antwortete: „Ich glaube, ihr Sohn liegt auf meinen Beinen.“
Am Ende des meterhohen Schuttberges über mir sah ich durch ein kleines Loch das Blau des Himmels und schrie: „Hilfe, wir sind schnell zu befreien!“  Neben der Praxis war die Apotheke, die Apothekerin Frau Schönen hörte meine Rufe und holte Soldaten zur Hilfe. Ich weiß nicht, ob wir eine oder zwei Stunden unter dieser Last lagen, über mir hörte ich die Soldaten mit Sägen und Spitzhacken arbeiten. Wenn einer von uns eine Erleichterung verspürte, weil ein Stück Last von ihm genommen war, schrie der andere vor Schmerzen und wollte sterben, die Balken hatten sich ineinander verhakt. Mein Oberkörper war schon freigelegt, als Franz Josef Hundhausen aus Schladern vor mir stand. Ich bat ihn: „Sag meiner Mutter, dass ich lebe!“
Man brachte uns in die Gaststätte „Unter der Hardt“ an der Rosbacher Brücke. Meine Kopfwunde wurde ohne Betäubung genäht, ich spürte gar nichts. Ansonsten hatte ich Schnittwunden und einen Muskelriss an der linken Hüfte. Mein Onkel Josef Käsberg, hatte sich sofort auf den Weg gemacht, als er merkte, dass Bomben auf Rosbach fielen. Er suchte mich, bis er mich in der Gaststätte fand. Ich zitterte vor Kälte, er nahm die Tischdecken von den Tischen und deckte mich damit zu. Doktor Dominick und Herr Becker lagen neben mir, der Doktor hatte eine Platzwunde an der Stirn, die ebenfalls genäht wurde. Der kleine Sohn von Herrn Becker war tot. Er hatte tatsächlich die ganze Zeit auf meinen Beinen gelegen, ich habe ihn nie vergessen. Die Frau und die Schwiegereltern Schrader von Doktor Dominick kamen im Bombenhagel um, aber Bert, der fünfjährige Sohn hat überlebt und ist heute Internist in Köln.“
Elisabeth Walter verbrachte, bis sie wieder gehen konnte, einige Wochen in der Rosbacher Heilstätte. Der kleine Bert lag auch dort und suchte oft Zuflucht in ihrem Bett. Bei ihrer Heimkehr sagte sie zu ihrer Mutter: „Das kleine Häuschen kann ich auch noch tragen.“
Der Bombenangriff war ihr einschneidendstes Erlebnis, jahrelang hat es sie bis in die Träume verfolgt. „Ich wünsche mir, dass die junge Generation das Interesse an dieser Zeit nicht verliert, damit es nie wieder zu einem Krieg kommt.“



18 Grüner Weg
Windeck, Nordrhein-Westfalen.
Deutschland ,51570

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