Wird die Pochetalsperre doch noch gebaut?

Zeitungsartikel | Dorfgeschichten | Mittwoch, 29 Juni 1960

Kölner Stadt-Anzeiger - Land an der Sieg

Mittwoch, 29. Juni 1960

Von Ulrich Rinhkloff

Siegburg/Rosbach (sf) – Viele der großen Hoffnungen, die im Siegtal und besonders an der oberen Sieg an den Bau der Wahnbachtalsperre geknüpft wurden, sind arg gedämpft worden. Hatte man ursprünglich fest damit gerechnet, daß die Wahnbachtalsperre für alle Zeiten die Wassernot in allen Gemeinden des Siegkreises beenden würde, so hat man diese Meinung inzwischen revidiert.

Seit einem Jahr ist die Sperre halbleer, und auch die Regenfälle im Winter und Frühjahr haben sie nicht wieder auffüllen können. Die seit langem geplanten Maßnahmen zur Versorgung weiterer Teile des Siegkreises werden vorerst äußerst zurückhaltend realisiert.

Die Gemeinden, die nun schon seit Jahren vergeblich auf das längst versprochene Wasser warten, sind natürlich verärgert. Und in der Tat glaubt man vielfach schon gar nicht mehr daran, jemals aus der Wahnbachtalsperre Wasser zu bekommen. Statt dessen sucht man verzweifelt nach anderen Wegen. Ein Ausweg, der zur Zeit ernsthaft ventiliert wird, ist der bereits ausgearbeitete Plan, im Siegkreis eine weitere Talsperre zu bauen, die Pochetalsperre.

Der Gedanke, im Pochetal in der Gemeinde Rosbach an der oberen Sieg eine Talsperre zu bauen, ist im Grunde ebenso alt, wie der Gedanke, im Wahnbachtal eine Sperre zu errichten. Damals aber wollte man an der oberen Sieg in erster Linie eine Energiequelle schaffen. Heute ist das Trinkwasser jedoch die Hauptsache. Rosbachs Gemeindedirektor Wienand, der jetzt die Pochetalsperre wieder in die Debatte bringt, glaubt, daß es keine andere Möglichkeit gibt, die gerade in den letzten Monaten akut gewordene Wassernot in den Gemeinden an der oberen Sieg zu beenden. Er ist der Meinung, daß der Wahnbachtalsperrenverband durch die sich immer mehr ausweitende Versorgung des Bonner und Kölner Raumes auf die Dauer so stark strapazieren wird, daß für die ausreichende Versorgung des Siegkreises nicht mehr genug übrig bleibt.

Auf der anderen Seite könne auch der Aggertalsperrenverband die Versorgung der oberen Siegkreisgemeinden nicht auf Dauer, sondern nur vorübergehend als „Notlösung“ übernehmen. Diese Auffassung hat Gemeindedirektor Wienand noch vor wenigen Tagen mit Nachdruck dem Wasserwirtschaftsamt gegenüber vertreten.

Verhandlungen laufen bereits

Zwischen den interessierten Stellen und Behörden sind entsprechende Verhandlungen aufgenommen worden. Auch die Stadt Waldbröl mußte einbezogen werden, weil fast das gesamte Einzugsgebiet des Pochetals auf ihrem Gebiet liegt. Waldbröl erklärte sich mit den Plänen einverstanden und hat sich sogar zum Wort- und Schriftführer gemacht. Die geplante Talsperre selbst wird ausschließlich im Gebiet der Gemeinde Rosbach liegen. Gemeindedirektor Wienand ist der Auffassung, daß die Pochetalsperre vom Standpunkt der Rentabilität aus gesehen auch für den Wahnbachtalsperrenverband, der als Träger und Erbauer auftreten könnte, interessant sein müßte.

Auf die Dauer gesehen würden die hohen Kosten der Anlage weniger Belastungen mit sich bringen, als eine Versorgung der oberen Sieg – wenn es überhaupt möglich wäre – von Seligenthal aus das Wasser mit erheblichem Energie- und Maschinenaufwand über zahlreiche Höhenzüge in die wesentlich höher gelegenen Gemeinden an der oberen Sieg gepumpt werden müßte, könnte das Wasser aus der Pochetalsperre mit eigenem Gefälle und damit ohne Kosten an die Verbraucher zur Not sogar bis in die Räume an der mittleren und unteren Sieg geschickt werden.

6,225 Millionen Kubikmeter

Der Plan für den Bau der Pochetalsperre ist bereits bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet worden, und zwar von einem Fachmann des Aggertalsperrenverbandes. Danach würde ein Niederschlagsgebiet von achtzehn Quadratkilometern erfaßt. Die anfallende Wassermenge beträgt im Jahresdurchschnitt zwölf Millionen Kubikmeter. Zunächst wäre eine Stauhöhe von 40 Metern vorgesehen. Diese Stauhöhe könnte jedoch noch erheblich aufgestockt werden. Der Stauinhalt wurde – bei einer Stauhöhe von 40 Metern – mit 6,225 Millionen Kubikmeter errechnet. Diese Wassermenge würde vorerst ausreichen.

Es wäre ohne weiteres möglich, die Stauhöhe zu vergrößern. Allerdings würden dann die Ortschaften Mittel und Wies überstaut. Es handelt sich hierbei jeweils um sechs kleine Gehöfte, deren Ablösung keine allzugroßen Beträge erfordern dürfte, im Gegensatz zu den Kosten, die der Aufkauf der Steinbrüche, die bei Ausführung des Projektes überstaut würden, verursachen würden. Weitere Ansiedlungen oder Einzelgehöfte würden nicht beeinträchtigt, mit Ausnahme der Jagdhütte von – Gemeindedirektor Wienand, die dann mitten in der Talsperre stehen würde.

Durch Aufstockung würde die Sperrmauer eine Höhe von 90 Metern bekommen. Damit würde ein Gefälle von 105 Metern erzielt, ausreichend um als Nebenprodukt elektrische Energie von 2,5 Millionen Kilowatt im Jahr zu erzeugen. Da das Tal fast ausschließlich aus minderwertigem Wald- und Wiesengelände besteht, dürfte der Ankauf des Geländes keine nennenswerten Schwierigkeiten bereiten.

Ideale Lösung

Gemeindedirektor Wienand glaubt, daß die Pochetalsperre nicht nur für die Versorgung der Gemeinden an der oberen Sieg, sondern für die Wasserwirtschaft des gesamten Siegkreises eine ideale Lösung darstellen würde. Diese Talsperre würde seiner Auffassung nach die in wasserwirtschaftlicher Hinsicht zweifellos bestehende Lücke zwischen der Aggertalsperre und der Wahnbachtalsperre schließen. Es könnte ein beliebiger Wasseraustausch stattfinden, der auch bei einem vorübergehenden Ausfall einer der beiden großen Talsperren die Versorgung des gesamten Gebietes garantieren würde.

Das Pochetal selbst ist eins der schönsten Täler an der oberen Sieg. Es ist scharf in die Landschaft eingeschnitten. Der Damm würde an der engsten Stelle etwa einen Kilometer oberhalb der Ortschaft Poche (an der Mündung der Sieg) gebaut werden. Wuchtige, vorspringende Felsnasen bieten sich als Verankerung geradezu an.

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