Nach über 80 Jahren kehrt Familienschatz zurück zu den Nachfahren

Von Sylvia Schmidt, Windeck, 14. Mai 2026
Am vergangenen Sonntag begegnete mir auf dem Bauernmarkt in Leuscheid eine Bekannte aus Wilberhofen. Sie erzählte mir, sie habe vergeblich nach meinem Kontakt gesucht, denn sie verwahre seit dem Umzug ihrer Tochter aus dem Nachbarhaus eine Kiste mit Briefen auf, die dort beim Aufräumen des Speichers gefunden worden waren. Diese Kiste muss einem Vorbesitzer gehört haben, zur Vorgeschichte des Hauses konnte sie mir nichts sagen. Die Kiste hat sie jedenfalls gehütet, weil sie wusste, dass ich bei WiWa aktiv bin, und wir lokale Geschichte festhalten und für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Kiste habe ich noch am gleichen Tag abgeholt.
Zuhause öffnete ich das Schatzkästlein


und fand zwei Stapel alter Briefe vor.
Es sind schätzungsweise 50 Briefe, die sich vorwiegend das Ehepaar Hilde und Albert Reifenrath im Zweiten Weltkrieg schrieben. Ich habe mir nur drei Briefe durchgelesen, denn schnell wurde deutlich, der Inhalt ist für WiWa, also für Windeck nicht sehr von Belang, für die Familie, sofern es Nachfahren gäbe, hingegen sehr.
Soviel entnahm ich den Briefen, Hilde kam aus Düsseldorf und wohnte mit ihren kleinen Kindern in den Kriegsjahren in Wilberhofen mehr oder weniger dort, sicherlich auch um Bombenangriffen zu entgehen. Ursprünglich war das Haus wohl Wochenendhaus für die Familie. Albert Reifenrath lebte zu der Zeit in Berlin.
Ich begab ich mich auf die Suche nach Nachfahren. In Düsseldorf gibt es nur drei Telefonbucheinträge, einer existiert nicht mehr, eine andere Mobilnummer habe ich angeschrieben, aber keine Antwort erhalten. Bei der letzten Nummer meldete sich nie jemand.
Ich habe in Windeck weiter geforscht und Puzzleteile in Erfahrung gebracht und kam soweit, dass das Haus in den 80er/Anfang 90er Jahren noch im Besitz der Familie gewesen sein muss. Niemand konnte mir aber etwas über deren Verbleib sagen.
Ich machte nochmal einen Versuch bei der Telefonnummer, wo bislang nicht abgehoben worden war. Am Apparat war die Tochter von Alfred und Hilde Reifenrath. Sie war komplett überwältigt, als ich ihr den Grund für meinen Anruf erklärte: den Fund ihres Familienschatzes. Sie erzählte mir, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter viele Dinge fortgeschmissen haben, weil sie nicht wusste wohin damit, das habe sie später oft bereut. Mittlerweile habe ich etwas über die Familie erfahren und wie gerne sie sich an die Zeit in Wilberhofen erinnern. Frau Reifenrath selbst hat als Kind neun Jahre dauerhaft in dem Haus gewohnt.
Die Nachricht vom Fund hat wohl schon die Runde in der Familie gemacht. Diese Freude war für mir selbst die allergrößte Freude, die ich auch gleich an meine Vereinskolleg*innen weitergab, denn was wir machen, ist ja immer ein Gemeinschaftswerk, bei dem jedes „Rädchen“ wichtig ist.
Frau Reifenraths Nichte schickte mir heute Bilder vom Haus mit Anmerkungen

Haus Bitze von hinten zur Bahn hin.

Das Haus von der Seite. Die Tür ging zur Küche. Der Baum war ein Kirschbaum. Daher hieß die Wiese Küchen- oder Kirschbaumwiese. Darunter Johannisbeersträucher. Der Garten hat eine Größe von rund 3000 m², so dass die Wiesen unterschiedliche Namen hatten. Diese beiden Bilder haben kein Datum - ich vermute aber die späteren Siebzigerjahre.

Das Haus hat neue Fenster bekommen und wurde mit Wein begrünt, das Foto ist aus dem Jahr 1985. Ich selber habe in den siebziger bis Mitte achtziger Jahren die meisten Ferien dort an der Sieg verbracht. Damals hatte das Haus noch keine Hausnummer. Und der Bäcker Koch in Wilberhofen hat noch Lebensmittel verkauft und Riemchenapfel gebacken.
Anmerkung: der wird immer noch gebacken.

Das letzte Bild ist aus dem Jahr 1971 man sieht noch die Stromleitung und den Blick weit über die Bahn und die Sieg nach Dattenfeld (Anmerkung: Übersetzig). Ganz links erahnt man den Dattenfelder Dom.
Und nun das allerletzte Foto.
Das Paket ist für Frau Reifenrath gepackt und wird morgen früh nach über 80 Jahren dorthin zurückkehren, wo es hingehört: zu den Nachfahren.

Gute Reise liebes Paket, komme wohlbehalten an, Du wirst sehnlich erwartet und große Freude auslösen.
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