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Kölschbach - Kindertage wie im Paradies

Text | Dorfgeschichten | 02.02.1946

Der Hof Kölschbach und die Familien Schmeis und Fuchs
Von Frieder Döring und Marie-Luise Nacken, Winter 2024


Käthe Brokop aus Altwindeck ist eine Institution


Papa Heinrich Fuchs ist sehr verliebt in seine kleine Tochter 

1948 kam die kleine Käthe in Kölschbach zur Welt. Käthe Brokop ist die letzte Überlebende des schönen, beliebten und sehr alten Nutscheid-Bergbauernhofes Kölschbach. Sie erzählt uns von ihrer Kindheit, ihren Eltern und Großeltern. 

Doch zunächst einmal zur Vorgeschichte: 

Auf der Mercatorkarte von 1575 ist der Nutscheidhof als Cülsbich eingetragen mit zwei Häusern, auf der Van der Waye – Karte von 1607 als Cülsbach mit drei Häusern. Es muss sich also um eine schon sehr alte bedeutsame Siedlung an der Quelle des Kölschbaches gehandelt haben.


Mercatorkarte


Hofanlage Kölschbach  

Der Name Kölschbach kann durch Vergleiche mit ähnlichen Ortsnamen (Kölschhausen bei Greifenstein/Hessen, Kölsch-Büllesbach im westlichen Westerwald) auf Köhlersbach zurückgeführt werden, was auch den Gegebenheiten vor Ort entspricht. Im Umkreis von etwa 1000 Metern um Kölschbach, bzw. dem Dreiortsberg, auf dessen nördlichem Teil sich die Siedlung befindet, sind viele Meiler- und Köhlerhüttenplätze zu finden, sowie auch Rennofenplateaus, Pingen (Tagebau-Erzförderung), eine Waldschmiede, Hauberge, eine Hammermühle. Und die anderen Siedlungen um den Dreiortsberg herum weisen mit ihren Namen auch auf Aktivitäten der Erzgewinnung hin: Jucht (Schmelze), Höhnrath (Haubergrodung), Ommeroth (Hammermühle und Waldschmiede) - s.a. Frieder Döring „Rund um den Dreiortsberg“, 2021. Bei Begehungen haben wir festgestellt, dass etwa 100 Meter unterhalb der jetzigen Hof-Ruine Fundamente eines älteren Hauses direkt an der Quelle des Kölschbaches liegen in einer sogenannten Quellmulde. In einer solchen wurden im Mittelalter die meisten Siedlungen der zweiten fränkischen Siedlungsperiode in der Nutscheid und dem umliegenden Bergischen Land angelegt.


An der Pumpe: Käthe mit Mutter

So konnte man das Trinkwasser aus Brunnen oberhalb der Quelle entnehmen und seine Abwässer in den Bach darunter ableiten. So funktionierten diese Quellmuldensiedlungen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, obwohl man schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts erkannt hatte, dass diese Methode gefährlich wurde, sobald man oberhalb der Siedlung auch noch Viehweiden anlegte und deren Abwässer ins Trinkwasser der Häuser weiter unten gerieten, wodurch auch Keime von Krankheiten wie Cholera, Typhus und Tuberkulose in deren Brunnen gerieten. Genau diese Erkenntnis führte wohl um 1850 dazu, dass der alte Hof Kölschbach aufgegeben und ein neuer größerer und moderner Hof mit mehreren Gebäudeteilen wie Haupthaus, Gesindehaus, Stallungen, Heuschober, Vorratshaus weiter oben auf dem Dreiortsberg neu erbaut und neu verpachtet wurde.


Hausansichten


Dazu trug aber auch bei, dass zur gleichen Zeit der Waldbröler Landrat Oskar Danzier die Burgruine Windeck mit all ihrem alten Landbesitz und den zugehörigen Pachthöfen dem Preußischen Staat abgekauft hatte, der es nach dem Wiener Kongress 1815 aus dem napoleonischen Großherzogtum, ursprünglich Herzogtum Berg, zugeteilt bekam. Oskar Danzier hatte die Idee, neben der alten Burgruine eine historistische Villa aufzubauen, das sogenannte Schloss Windeck. Im Zuge dieses Neubaus finanzierte er wohl auch den Neubau der miterstandenen Versorgungshöfe Hönrath und Kölschbach gleich mit. Vermutlich waren deren Vorgängerhöfe schon verlassen gewesen oder ganz heruntergekommen, denn nach dem Neuaufbau verpachtete er Kölschbach auch neu, nämlich an eine Familie Schmeis, die mit ihren Nachkommen bis 1954 Bewohner dortblieben. Und Käthe Brokop, die in Altwindeck lebt, ist die letzte in der Reihe.


Familie Schmeis, Fuchs, Cleven


Ehepaar Schmeis

Allerdings wechselte noch der Pachtherr. Denn Oskar Danziers Tochter, Arnoldine Danzier reiste nach Italien, um ihre Schwester Sophie zu besuchen, die in Paleremo mit dem k. u. k. Generalkonsul Paul von Wedekind verheiratet war. In Rom lernte sie den Bankier Andrea Caminneci kennen. Mit ihren Kindern kommen sie 1897 aus Palermo zurück nach Deutschland, leben in Bonn und später ganz im Schloss. Nach dem Zweiten Weltkrieg erbte ihr Enkelsohn Manfred Caminneci die Ruinen von Burg und Schloss, das die Amerikaner 1945 als Zielscheibe für ihre Artillerie von Obersaal aus benutzt hatten, und natürlich auch das zugehörige Land inklusive der Pachthöfe. Er war dann bis Mitte der 1960er Jahre der Pachtherr. Im Krummaueler Feld in Schladern besaß er eine Baumschule, doch war er vor allem ein großer und bekannter Jägersmann. Er erschoss den ersten Luchs, der sich nach dem Krieg aus Polen wieder nach Westdeutschland wagte, und hatte im alten Hof Schladern eine internationale Jagdschule eingerichtet. An Landwirtschaft war er nicht sehr interessiert, er bepflanzte alle verfügbaren Flächen in der Nutscheid mit schnell wachsendenden Fichten, die als Bauholz in der Nachkriegszeit auch dringend gebraucht wurden. So verringerte er die dortigen Hauberge mit Stockaufwuchs genauso wie die landwirtschaftlichen Nutzflächen. Das war wohl einer der Gründe, warum die Familien Schmeis und Fuchs als letzte ihrer Reihe 1954 endgültig den Hof Kölschbach verließen und sich in Altwindeck neu ansiedelten. Zwar fand Manfred Caminneci für den verkleinerten Resthof als Nachpächter noch eine Familie Epping, die es aber nur knapp zehn Jahre schaffte, dort zu überleben und dann auch aufgab, sodass der Hof Kölschbach ab 1963 zur Wüstung wurde, also verfiel, und durch Ausplünderung und Vandalismus zur heutigen Ruine verkam. Diese gehört inzwischen dem Staatsforst Nordrhein-Westfalen. 


Ehepaar Katharina und Heinrich Fuchs 

Käthe Brokop ist 1948 geboren und wurde 1954 in der Altwindecker Zwergschule, die heute Heimatmuseum ist, eingeschult. Nach der Erzählung ihrer Eltern sei ihre Einschulung der Grund gewesen, warum ihre Familie zusammen mit ihren Großeltern nach Thal Windeck (Straßenname in Altwindeck) umzog, sich dort ein älteres Haus kaufte und weiter Kleinlandwirtschaft betrieb mit Hühnern, Kaninchen und Bienen, Kühen und Schafen. Ihr Vater aber fand andere Arbeit bei der Firma Hermes in Rosbach und bei der Firma Elmores in Schladern. Doch diese Erzählung ist nicht sehr realistisch. Denn bis dahin waren alle Kinder aus den Nutscheid-Siedlungen die ein bis zwei Kilometer zur nächsten Grundschule, auch im Winter, immer zu Fuß gegangen. Und bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts nach der Gemeindereform und Gründung von Schwerpunktschulen inklusive Schülerbustransporten in der Region, war es überall im Windecker Ländchen und im Bergischen selbstverständlich, dass die Kinder aus abgelegen Dörfern und Höfen lange Fußwege zu den Zwergschulen in Kauf nehmen mussten. Außerdem war der Hof Kölschbach bis zum Auszug der Familien Schmeis und Fuchs, also den Eltern und Großeltern von Käthe Brokop ein Vollversorgungsbauernhof gewesen, der die Familie Schmeis mit ursprünglich fünf Töchtern und dann die Familie Fuchs mit einer(?) Tochter und den Großeltern Schmeis komplett aus Eigenproduktion ernährte.


Trina Schmeis auf Pferd


Holzarbeit im Hauberg

Und das hieß: mit Kühen und Schweinen mit Schafen und Ziegen, mit Hühnern und Gänsen, mit Kaninchen und Bienen und natürlich auch mit Katzen und Hunden und einem Kaltblut-Ackergaul, sowie mit Futteranbau, Kartoffeln, Rüben, Kohl und das damals übliche Küchengemüse. Einen solchen Vollerwerbsbetrieb, in dem zwei Männer und zwei Frauen ganztägig arbeiteten, zu verlassen. brauchte mehr Gründe als der etwa einen Kilometer lange Schulweg des Kindes.


Kartoffelernte


Käthe mit Runkelrüben


Schafschur


Heuernte


Käthe füttert die Hühner


im Kaninchenstall 


die Schmiede


Kühe hüten


das Bienenhaus

Bei ihnen war alles reine Handarbeit. Das heißt aber auch, dass sich die Produktion der wenigen Produkte, die sie weiterverkaufen konnten, wie Milch, Kartoffeln, Rüben, nicht mehr steigern ließ, um die seit den 50er Jahren zunehmend wichtiger werdenden technischen Haushalthilfen wie Kühlschrank, Waschmaschine, Spülmaschine zu finanzieren, geschweige denn auch noch die von den Molkereien zwingend verlangten Milch Kühlanlagen und die gesetzlich notwendigen Stallrenovierungen. Hinzu kam, dass seit Anfang 1950 mit dem Wirtschaftswunder-Aufschwung ein Überangebot an Arbeitsplätzen in Industrie und Handwerk entstanden war, das geregelte und sichere Einnahmen versprach und vor allem auch eine Kranken- und Rentenversicherung für die ganze Familie. Diese Versicherungen wurden als Pflichtversicherung für Landwirte erst in den 1970er Jahren eingeführt. Alle diese Überlegungen dürften zusammen zu dem Entschluss geführt haben, die zwar romantische, aber hoffnungslos veraltete Landwirtschaft des 19. Jahrhunderts in Kölschbach Mitte des 20. Jahrhunderts aufzugeben und nach Thal Windeck zu ziehen. Vielleicht spielte auch der frühe Tod der Großmutter 1953 eine Rolle dabei.


Mittagessen

Heute finden wir fast nur noch Wald um den verfallenen Hof herum, sodass man kaum verstehen kann, wie dort mal eine florierende Landwirtschaft hat existieren können.


Die Wüstung Kölschbach von Westen im Winter 2021

Käthe Brokop ist heute 77 Jahre alt (2024) und Witwe. Sie erinnert sich gerne an ihre Kindheit auf Kölschbach. Da sie keine anderen Spielkameraden im gleichen Alter dort hatte, wurde ihr der Schäferhund Astor zum besten Freund, so dass sie öfters auch in dessen Hundehütte zusammen schliefen.


Mutter Fuchs, Hund Astor und Käthe

Nur gelegentlich kamen Verwandte aus Köln mit ihrem Sohn Paul zu Besuch, mit dem sie spielen konnte.
Sie wuchs ganz naturverbunden auf,und wenn sie Langeweile hatte, büchste sie aus zum Nachbarhof Ommeroth zur Familie Dietz. Seit sie laufen konnte, „half“ sie selbstverständlich auch bei allen landwirtschaftlichen Arbeiten mit.

Wenn der Briefträger von Schladern aus mit dem Fahrrad die Post brachte, hatte er im Henkelmann sein Essen dabei, das er in Kölschbach aufwärmte und zur Mittagspause verzehrte. Käthe setzte sich zu ihm und futterte sein Essen mit.

Sie erinnert sich, dass etwa ab 1950 regelmäßig in den Sommerferien eine Gruppe Pfadfinder auf einer Wiese beim Hof ein Lager errichtete und dort ihre Freizeit mit Übungen, sportlichem Training, Spielen und Sonntagsgottesdiensten verbrachten. Soweit sie nicht den Eltern helfen musste, machte sie auch dabei mit.

Aus ihrem Familienbuch hat sie uns ihre Familiengeschichte rekonstruiert. Der Urgroßvater Heinrich Schmeis wurde 1834 geboren, und war also bei Fertigstellung des neuen Hofes Anfang der 1860er Jahren im richtigen Alter die Aufgabe als Hofpächter zu übernehmen. Er starb 1918 zum Ende des großen Krieges. Das Geburtsdatum der Urgroßmutter Brigitta, geborene Lutz, war nicht mehr zu ermitteln. Sie starb bereits 1912.

1863 sollen bereits 32 Menschen auf Kölschbach gelebt haben, um dort gut 40 Morgen Land zu bewirtschaften. Das heißt, dass sich mehrere Familien Haupt- und Gesindehäuser teilten. Wie viele Kinder die Urgroßeltern hatten, ging aus dem Familienbuch nicht hervor.

Dieses Dokument wurde uns freundlicherweise nachträglich von Marga Grube aus Bergisch Gladbach zugesandt.

Die Großeltern dagegen hatten ursprünglich sieben Töchter, von denen vier im Kindesalter verstarben. Der Großvater Wilhelm Schmeis wurde 1881 geboren und starb 1969.

Wilhelm Schmeis


Ehepaar Katharina und Wilhelm Schmeis

Die Großmutter Katharina (* Brucherseifer) geboren 1884, starb schon 1953 noch in Kölschbach.

Von ihren Töchtern überlebten nur drei die Kindheit:
Katharina geb. 1906, Karolina, geb. 1911 und Elisabeth, geb. 1917
und sie nahmen eine Pflegetochter auf, Gretchen Willmeroth.

Käthe Brokops Mutter war die Katharina, sie starb 1986 und war verheiratet mit Heinrich Fuchs, geboren 1906 und gestorben 1994.

Käthe hatte mit ihrem Mann keine Kinder, war also die letzte der Schmeis-Familie auf dem Hof Kölschbach.


Ganz schön fesch, Käthes Eltern


Familie Heinrich und Katharina Fuchs mit der süßen Käthe


Käthe gibt Gas


Schulklasse in der Volksschule Altwindeck mit Doris Epping ganz links


Das Haus Fuchs/Brokop in Altwindeck

 

 

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