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Im Spannungsbogen von Handwerk und Kunst

Text | Personen | 01.11.2005

von Sylvia Schmidt
erschienen im Stadt Magazin Eitorf im November 2005

Wer Willi Kleinbongard’s Fachwerkhaus, Baujahr 1814, in Obernau betritt, wird vielleicht diesen eigenartigen Charme verspüren, der oftmals alten Häusern und alten Gegenständen innewohnt. Man meint die Ehrfurcht und die Leidenschaft zu spüren, die der Handwerker oder Künstler bei der Herstellung wie eine Rezeptzutat beimengte. Der pflegliche Gebrauch durch Menschen scheint diese Beigaben im Laufe vieler Jahre noch zu potenzieren.

Eigentlich könnte der Mann, dessen Erkennungszeichen der lange weiße Pferdeschwanz am Hinterkopf ist, die Hände in den Schoß legen, denn sein „eigenes“ Museum ist bereits errichtet. Alle vier Fachwerkgebäude des Freilichtmuseums in Altwindeck kommen aus seiner Werkstatt. Aber Kleinbongard steckt voller Ideen und findet: „Nachdem ich vor sechs Jahren mein Gewerbe aufgegeben habe und damit der kommerzielle Druck wegfiel, geht das Schaffen leicht von der Hand.“ 

Nicht nur die Rente, auch die zunehmende Zusammenarbeit mit Sohn Carsten beflügelt den 69-Jährigen. Verschiedene Berufsbilder und Begabungen verschmelzen, wenn Vater und Sohn gemeinsam Hand anlegen und ergeben eine besondere Mischung. Bis eine harmonische Zusammenarbeit möglich wurde, verwirklichte jeder erst einmal seine eigenen Ideen. Die Liebe zur Perfektion lebten Vater und Sohn in ihrer ersten Berufswahl aus, der Vater als Maschinenbauer, der Sohn als Maschinenbauschlosser. 

Wilhelm und Carsten Kleinbongard in der Werkstatt des Vaters

Von klein an, schaute der Sohn dem Vater über die Schulter. „Früher war unsere Zusammenarbeit schwierig, wenn ich nicht nach den Vorstellungen meines Vaters arbeiten wollte“, erzählt der 39-Jährige, der wie sein Vater den Beruf wechselte und sich zum Künstler ausbilden ließ. Er ist heute Dozent am Institut für Ausbildung in bildender Kunst und Kunsttherapie in Bochum, mit dem Spezialgebiet Airbrush-Design. 

Anfang letzten Jahres restaurierten die beiden das 500 Jahre alte Holzkreuz der Rosbacher Salvatorkirche. Der Vater brachte seinen Sachverstand bei der Holzbearbeitung ein, der Sohn übernahm die originalgetreue farbliche Gestaltung des Corpus Christi.

Carsten Kleinbongard gestaltete die Impressionen aus der Sixtinischen Kapelle an den Wohnzimmerwänden seiner Eltern. 

In seinem Rosbacher Atelier verwirklicht Carsten Kleinbongard seine ureigenen Projekte, für die gemeinsamen Arbeiten ist die Werkstatt des Vaters in Obernau der Treffpunkt. Das Betreten der Werkstatt ist wie das Eintauchen in eine andere Welt, die Zeit scheint einfach irgendwann Halt gemacht zu haben. Unzählige alte Exponate, Türgehänge, Schlösser, Beschläge und andere Kostbarkeiten aus Holz oder Schmiedeeisen lagern hier. Die Bandsäge ist von 1905, die Hobelmaschine und alle Werkzeuge sind von lange, lange vor unserer Zeit. Alles, was die beiden hier bearbeiten, verlässt stilecht aufgearbeitet die Werkstatt. „Ich lebe stark in der Vergangenheit“, sagt der Senior. „Man muss seine Wurzeln in der Vergangenheit kennen, um Zukunftsvisionen zu haben.“ 

Auch zum Experimentieren ist Platz. Das elterliche Wohnzimmer dürfte einzigartig sein. Abgesehen vom mächtigen Webstuhl im Eingang und einer Falltüre im Boden, „fließt“ die antike Kaffeetafel in eine Art Gebetskammer über. Sobald man eintritt, wird der Blick auf“ Jona und Hesekiel“ gelenkt, die Carsten Kleinbongard Michelangelos Deckenfresko aus der Sixtinischen Kapelle in Rom entlehnt hat. „Die meisten Künstler arbeiten auf Kalk, aber ich habe auf Lehm gearbeitet, ich musste also selbst probieren, denn niemand konnte mir sagen, wie das funktioniert.“ 

Die Interessen von Vater und Sohn laufen parallel. „Mein Vater ist leidenschaftlich bis in die Spitze vom Handwerk ergriffen, ich von der Kunst.“ Von den jeweiligen Ausgangspunkten bewegen sie sich aufeinander zu. Beide transportieren ihre Gefühle in die Arbeit und lieben das Geistige im Schaffen.“

„Ich habe oft gedacht, schade, dass du alles alleine machen musst, es wäre schön, wenn Carsten mitarbeiten würde.“ erzählt der Vater. „Aber wir mussten beide erst unsere eigenständigen Ideen verwirklichen. Umso schöner ist es, dass wir uns heute so gut ergänzen. Ich kann nicht, was mein Sohn kann. Manchmal bin ich zwar fest überzeugt von etwas, merke dann aber, dass mein Sohn den besseren Abstand zu den Dingen hat.“

Kleinbongard’s Spuren finden sich in der Gemeinde Windeck an vielen Orten, an die Gedenkstätte der Landjuden in Rosbach oder an die Kanonen in Herchen legte er Hand an. „Die Arbeiten beim Museum in Altwindeck sind aber die Krönung meines Schaffens“, so Vater Kleinbongard, und ein altes Sägewerk für das Museum wird von Vater und Sohn gerade restauriert. 

Aber auch andere Pläne werden beraten, denn Willi Kleinbongard würde gerne noch einige Jahre mit seiner Frau im eigenen Fachwerkhaus aus dem Jahre 1430 in Northeim wohnen, welches bereits als bestrestauriertes Haus der Stadt prämiert wurde. „Wir überlegen zurzeit, wie wir in diesem Fall erhalten können, was ich hier geschaffen habe!“

Alle Fotos: Sylvia Schmidt

Links:
https://www.windeck-im-wandel.de/infothek/altwindeck/boellerkanone-restauriert?highlight=WyJrbGVpbmJvbmdhcmQiXQ==

https://www.windeck-im-wandel.de/infothek/altwindeck/richtfest-fuer-scheune-gutmuehle?highlight=WyJrbGVpbmJvbmdhcmQiXQ==

https://www.windeck-im-wandel.de/infothek/altwindeck/das-muehlrad-klappert-bald?highlight=WyJrbGVpbmJvbmdhcmQiXQ==

(HJH)


Obernauer Str. 103