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Der Herr der Turmuhren

Text | Personen | 01.07.2014

von Sylvia Schmidt
Erschienen im Stadt Magazin Eitorf im Juli 2014

Wie Musik erklingen im Obernauer Wohnzimmer der Kleinbongards die kleinen Glocken einer Turmuhr im Viertelstundentakt. Zeitgleich drehen sich Zahnräder in hoher Geschwindigkeit, drei an Seilen befestigte Gewichte aus Stein á 20 Kilogramm bewegen sich exakt bemessen ein Stück nach unten. „Diese Turmuhr läuft absolut präzise. Sie stammt aus einer verfallenen Domäne in Bautzen bei Chemnitz und war wenig mehr als ein Schrotthaufen, als ich sie vor einiger Zeit gekauft habe.“ 

Wilhelm Kleinbongard erweckte diese alte Turmuhr aus Bautzen zu neuem Leben. Präzise tickt sie in seinem Wohnzimmer in Obernau. Auch den Kachelofen im Hintergrund hat er restauriert.

Wilhelm Kleinbongards Leidenschaft und Profession ist nicht schwer zu erraten. Freundliche Fältchen lachen einem aus dem Gesicht des 78-Jährige entgegen. Das lange weiße Haar ist immer sauber zum Pferdeschwanz gebundenen, tagaus, tagein trägt er eine Zimmermannsweste und schwarze Hosen. Das Herz des Maschinenbaumeisters mit dem goldenen Meisterbrief gleicht einem lodernden Feuerwerk, es brennt für alles, was alt ist und Pflege braucht. Über 30 Jahre lang, von 1981 bis vor gut zwei Jahren, war Kleinbongard Chefrestaurator des Altwindecker Heimatmuseums. Ohne ihn wäre wohl kaum je das Museumsdorf entstanden. 

„Ich habe damals überlegt, was ich nun machen möchte. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Turmuhren. Allerdings ist an eine Turmuhr schwer heranzukommen, doch da kam dem agilen Handwerker der Zufall zur Hilfe. In Northeim in Niedersachsen besitzen die Kleinbongards seit Jahrzehnten ein mehrstöckiges, liebevoll restauriertes Fachwerkhaus aus dem 15. Jahrhundert, das einem Privatmuseum gleicht. Eines Tages entdeckte Willi Kleinbongard dort in der Fußgängerzone eine alte Turmuhr als Ausstellungsstück vor einem Uhrmacherladen. „Solch eine will ich auch haben“, erinnert sich Kleinbongard mit Begeisterung an diese Initialzündung. Wenig später hörte er im Radio einen Bericht über das Turmuhren-Museum in Bockenem. 

Vor zwei Jahren kaufte Kleinbongard dem Turmuhr-Museum in Bockenem ein Häuflein „Schrott“ ab, das heute als Schönheit in seinem Haus in Northeim erstrahlt. Repro: Schmidt

„Dort war einst die größte Turmuhrenfabrik der Welt, es liegt nur 30 Kilometer von Nordheim entfernt.“ Bei einer Führung fragte er den Museumsleiter, wie er an eine Turmuhr kommen könne. „Da kommen Sie gar nicht dran“, entgegnete der, war aber bereit nach einer Möglichkeit zu suchen und bestellte Kleinbongard für die darauffolgende Woche. Aus dem Museumslager bot er dem Interessenten eine Turmuhr an. „Die war mir aber zu teuer“, erinnert Kleinbongard, der sich letztlich für ein elendes Häuflein aus rostigem Eisen entschied, das der Museumsleiter ihm gerne als „Schrotthaufen“ für wenig Geld verkaufte. Noch für denselben Tag heuerte Kleinbongard seinen Freund, den Tischlermeister Felix, an, mit dem er die Turmuhr abholte, die aus einer Kirche aus Kirchlinteln an der Aller stammte. Drei Monate arbeitete er an dem Stück und seine Frau Dorit ging ihm zur Hand. „Anfangs dachte ich widerwillig, ich will den Rost nicht wegmachen. Dann hatte ich soviel Spaß daran. Mit der Sackkarre fuhr ich die Teile durch die Stadt zur Werkstatt meines Mannes, später durfte ich die Uhr streichen. Er hat ein Schmuckstück daraus gemacht. Wie viele Jahre sie geruht hat, wissen wir nicht. Sie geht heute ganz genau. Manchmal sage ich aus Spaß, mein Name müsste „Turmuhr“ lauten, damit ich mehr Aufmerksamkeit von ihm bekomme“, lacht sie fröhlich. 

Mittlerweile ticken fünf alte Turmuhren im Northeimer Haus. Bei einem guten Stück ist das Uhrwerk mit einer Stange über zwei Etagen mit den Gewichten und einer schweren Bronzeglocke aus dem Jahr 1877 mit der Prägung Kaiser Wilhelm I. verbunden. Der Hammer für den Glockenschlag hängt an Ketten. „Die Uhren machen einen ziemlichen Lärm und werden nachts ausgestellt. Bisher hat in Northeim niemand gemerkt, dass meine Uhren tagsüber zeitgleich mit der Kirchenuhr schlagen. Ich habe den Glockenschlag mit der Kirche abgestimmt.“ 

Doch nicht nur in Northeim, auch für Obernau wollte Kleinbongard eine Turmuhr sein Eigen nennen. Im Internet fand er die eingangs erwähnte Turmuhr einer Domäne in Bautzen. Weil das Uhrwerk der 250 bis 300 Jahre alten Uhr fehlte, baute er alle Uhrräder aus Birnbaumholz nach. 

Dazu braucht man alte Werkzeugmaschinen aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, denn diese Uhr ist noch im Schmiedefeuer handgefertigt worden. Ein Uhrmacher brauchte ein Jahr, um eine solche Uhr herzustellen. Nach heutiger Rechnung würde sie rund 40.000 Euro kosten.“

Platz für weitere Turmuhren ist in Kleinbongards Privatmuseum „eigentlich“ nicht mehr, doch die Leidenschaft brennt nach wie vor. „Es ist die Frage, ob ich mir noch mehr Turmuhren anschaffen sollte, denn ich habe niemanden, der sie in meiner Nachfolge übernehmen möchte.“ 

Alle Fotos: Sylvia Schmidt

Links:
https://www.windeck-im-wandel.de/infothek/altwindeck/boellerkanone-restauriert?highlight=WyJrbGVpbmJvbmdhcmQiXQ==

https://www.windeck-im-wandel.de/infothek/altwindeck/richtfest-fuer-scheune-gutmuehle?highlight=WyJrbGVpbmJvbmdhcmQiXQ==

https://www.windeck-im-wandel.de/infothek/altwindeck/das-muehlrad-klappert-bald?highlight=WyJrbGVpbmJvbmdhcmQiXQ==

(HJH)


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