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Gierzhagen um das Jahr 1930

Text | Dorfgeschichten | 30.08.1922
Von Reinhold Weber
Im Augenblick habe ich keine bessere Idee, und so möchte ich einmal das aufschreiben, was ich aus dieser Zeit noch in Erinnerung habe. Ich war also zwischen sieben und zehn Jahre alt, also vor rund 90 Jahren. 

Untere Reihe: Zweiter von links Robert Weber, rechts daneben Franziska Weber geb. Limbach, in der Mitte der junge Reinhold Weber

Es war eine ganz andere Welt, die sich die heute lebenden Menschen gar nicht vorstellen können. Ich beginne also mit dem Zustand des Ortes. Es gab nur unbefestigte Wege, die man als Straßen nicht bezeichnen kann. Im Winter beim Frost brachen sie überall auf, und es gab große Löcher, die im Frühjahr wieder zugeschüttet wurden. Das machten, glaub ich, Gemeindearbeiter. Niemand störte sich an diesem Zustand, man wußte es ja nicht anders. Es ging ein Weg quer durch das Dorf von West nach Ost. Beginnend an der Schule. Dann gab es einige kleine Nebenwege, an denen Häuser standen. Ich beginne also an der Schule, weil die ja jeder kennt. 
Die Schule war bewohnt von dem derzeitigen Lehrer, der hieß Scharf und war das auch, aber er war ein guter Lehrer und hat uns etwas beigebracht. Er bewohnte die Wohnung der Schule mit seiner Ehefrau, und sie hatten einen Sohn, Herbert, und eine kleine Tochter. Die Wasserversorgung besorgte eine große Pumpe mitten auf dem Schulhof.
Gegenüber der Schule war das Haus der Familie Fuchs. Er war ein großer, schlanker Mann und seine Frau (Trina) eine dicke, pummelige. Sie hatten zwei Söhne und zwei Töchter, Heinrich und Helmut und Anna und Emmi. Es war die einzige katholische Familie im Dorf. Zu dieser Zeit wurde vor Unterrichtsbeginn noch ein Gebet gesprochen, und da dies ja evangelisch war, mußten die Fuchs Kinder so lange draußen warten, bis das geschehen war. 
Weiter in den Ort kam eine große Viehweide und dann das Haus von Peter Severin auf der rechten Seite. Mit seiner Frau Julchen hatten sie drei Söhne, den Heinrich, den Karl und den Willi, und eine Tochter Lydia. Vor ihrem Haus stand ein dicker Birnbaum. Der Peter war Maurer. Danach kam das Haus von Heinrich Weber mit seiner Frau Henriette (Jettchen). Sie hatten zwei Söhne, den Wilhelm und den Eduard, und eine Tochter Bertha. Der dritte Sohn Rudolf war bereits im ersten Weltkrieg (1914-1918) gefallen. Das Clo war als kleines Häuschen etwa zehn Meter hinter dem Haus. Auf der Wiese dahinter standen zwei dicke, riesige Birnbäume. Die Früchte waren nicht sehr dick und schmeckten auch nicht, aber für die Krautpatsche waren sie wunderbar. Sie trugen ja einige Zentner, und dafür gab es das sogenannte Rheinische Apfelkraut, Platt: „Kröckchen“. Das war eine schwarze, cremige Masse, schmeckte aber ganz gut. Das Haus war ein großes Fachwerkhaus und als Doppelhaus mit dem Nachbarn verbunden. Dazwischen, nach vorne angebaut, war noch eine Scheune. Oben im Haus wohnte der Eduard mit seiner Frau Emilie und dem Sohn Reinhold. Die Nachbarn hießen auch Weber, waren aber mit uns in keinster Weise verwandt. Wie der Mann hieß, weiß ich nicht, die Frau war „et Katrienchen“. Sie hatten vier Söhne und zwei Töchter: der Fritz, der Wilhelm, der Ewald und der Gustav, sowie Luise und Martha. Gustav und Martha waren Zwillinge und nur ein Jahr älter als ich, somit die richtigen Spielgefährten, dazu noch gleich nebenan, und ich war ja alleine. Wir spielten viel zusammen, auch im Haus, denn oben auf dem Speicher gab es gar keine Trennung, und da lag ja auch das Heu für den Winter für die Kuh.
Uns gegenüber auf einer kleinen Anhöhe stand das Haus von Karl Gerhards und seiner Frau Emma. Sie hatten zwei Söhne, den Ewald und den Willi. Man nannte sie „Bau“, und ich glaube, die meisten Leute wußten auch den richtigen Namen nicht. Woher dieser kam und warum, das weiß ich nicht.
In diesem Zusammenhang will ich noch erwähnen, daß es zu dieser Zeit in Gierzhagen eine Menge Webers gab, und jeder wurde anders genannt, damit man sie unterscheiden konnte. Wir, also die Heinrich Webers, waren die „Henrichs“, weil der Opa Heinrich hieß. Die Nachbarn waren „die Tiewes“, weil die Frau den Geburtsnamen Tebus hatte. Die anderen beschreibe ich noch, wenn ich ihre Häuser aufzähle. 
Die Straßen hatten keine Namen, und ob die Häuser Nummern hatten, weiß ich nicht, sichtbar waren sie jedenfalls nicht. Jetzt geht es weiter auf der linken Straßenseite. Das Haus steht auch direkt an der Straße und ist bewohnt von einer Familie Paul, davon weiß ich aber nur, daß sie zwei Ziegen hatten, und ich glaube, daß ein Sohn nach Amerika ausgewandert war.
Jetzt geht es einen kleinen Nebenweg rechts abwärts. Am Zugang oben steht noch eine Scheune. Dahinter steht ein sehr kleines Fachwerkhaus, das von Wilhelm Weber (meinem Onkel) und seiner Frau Lina bewohnt wird. Sie hatten einen Sohn Walter und zwei Töchter, Auguste und Erna. Man nannte sie „Beschiefer“, weil die Lina aus Perseifen stammte, und das heißt auf Platt „Beschiefen“. 
Weiter hinab, das nächste Haus ist wieder ein Doppelhaus. Sicher machte man das früher, um eine Wand einzusparen. Auf der rechten Seite wohnte ein Herr Bitzer, ein unangenehmer Mensch, niemand konnte ihn leiden, mit seiner Tochter Else, die geistig nicht ganz auf der Höhe war. Daneben wohnte der Robert Arnds, ein sehr behinderter Mann, von der Frau weiß ich nichts. Sie hatten zwei Söhne, Werner und Robert, und eine Tochter Bertha. Der Rudi war ein Jahr älter als ich, also ein Spielgefährte. Man nannte sie „Barth“. Der Bruder des Robert betrieb in Rommen einen kleinen Tante-Emma-Laden und war genauso behindert. 
Das nächste Haus weiter abwärts war der Robert Klein und seine Frau, sie hatten eine Tochter. Er war Briefträger (Postbeamter) und war verachtet, denn man sagte ihm nach, er war nur zu faul, um im Steinbruch zu arbeiten, was fast alle anderen taten. Sie hatten aber noch mehrere Kühe, und das stellte zu dieser Zeit noch einen hohen Wert dar. Der kleine Weg mündet dann auf die Straße nach Rosbach, genannt der „Neue Weg“.
Jetzt wieder zurück nach oben. Das nächste Haus auf der linken Seite steht auf einer kleinen Anhöhe und wurde bewohnt von August Müller, eine Frau kenne ich nicht. Sie hatten zwei Söhne und zwei Töchter. Wilhelm und Fritz sowie Lina und Emma. Alle schon älter als ich, daher keine Beziehungen. 

Familie Müller, 1915, die letzten Bauern im Haus Herrensiefen 3
V.l.n.r.: links unten: Tante Lina Müller, 2002 im Alter von 96 Jahren gestorben, dahinter: Emma Müller (Mutter von Luise), August Müller (Opa von Luise), Fritz Müller, Großmutter Luise Müller, Wilhelm Müller

 


Haus Herrensiefen 3, ca, 1980

 

Haus Herrensiefen 3, Sommer 2025. Foto: Cornelia Rühle

Gegenüber auf der rechten Straßenseite, etwas ab von der Straße, weil davor noch eine Scheune stand, war wieder ein Doppelhaus und bewohnt auf der rechten Seite von der Ida Weber und ihrem Bruder Otto, und da gab es noch einen älteren Mann, den nannten sie den Wuscht Karel (der Wurst Karl). Ich weiß nicht, warum und auch nicht, wer das war. Er trug immer einen steifen Hut. Wir sagten, einen „Bibi“. Daneben wohnte der Bruder Karl mit seiner Frau Lina und der Tochter Hildegard. Sie hatten ein schwarzes Pferd. 
Hinter dem Haus bei Ida um die Ecke war das „Backes“ (Backhaus). Ob es der Ida gehörte oder Besitz der Gemeinschaft war, das weiß ich nicht. Zu dieser Gemeinschaft gehörten sieben oder neuen Familien, die das Recht hatten, dort ihr Brot zu backen. Die Mitglieder mußten Waldbesitzer sein, denn der Ofen mußte aus eigenem Holz beheizt werden, und das geschah im Wechsel. Zum Beheizen des Backofens benötigte man Schanzenholz, das sind die Äste von den Bäumen, die für das Brandholz gefällt werden. Die Äste sind etwa zwei bis fünf Zentimeter dick und die Schanzen so um die zwei Meter lang und 50 Zentimeter im Durchmesser. Es konnte nur so dünnes Holz verbrannt werden, es mußte restlos zu Asche verbrennen, der Ofen wurde sauber ausgekehrt, und es durften keine Rückstände bleiben. Hatte der Ofen die erforderliche Hitze erreicht, wurde gerufen, und alle kamen mit ihren Broten auf einem langen Brett auf der Schulter. Jeder hatte seins gekennzeichnet mit Fingereindrücken oder Messerschnitten usw.. Nachdem das Brot gebacken war, kam der Kuchen an die Reihe, der Teig war auf großen Schwarzblechplatten, etwa 40 x 80 Zentimeter groß, belegt je nach Jahreszeit mit Apfelscheiben, „Quetschen“ (Zwetschgen) oder „Knutscheln“ (Stachelbeeren). Danach war immer noch ausreichend Hitze vorhanden für den „Watz“. Das war ein Tiegel aus Eisen, etwa 25 cm im Durchmesser und 15 cm hoch. Die Besonderheit waren die drei Füße. In den Tiegel wurden auf den Boden dicke Speckscheiben gelegt, darauf wurden, etwa 5 cm dick, geriebene Kartoffeln gefüllt, etwa so wie Reibekuchenteig. Die Wätze blieben bis zum Schluß im Ofen und setzten eine dicke Kruste an, die ich besonders gern mochte. 

Der „Backes“, um 1980

Vor dem Hause Müller, etwa 10 m an der Straße, gab es eine Trinkwasserpumpe, die aber auch einer Gemeinschaft gehörte, und nur die Mitglieder durften dort Wasser holen. Wie das alles genau gehandhabt wurde, weiß ich nicht, ich war ja noch ein kleiner Typ.

Wasserpumpe vor dem Haus Müller

Hinter dem Hause Müller zweigte ein kleiner Weg links ab, daran war das erste Haus der Gustav Haman mit seiner Frau Lina und einer kleinen Tochter Ellen. Die Hamans galten als reich, ihnen gehörte auch der große Steinbruch, in dem fast alle Männer aus Gierzhagen und Rommen beschäftigt waren. Mehr weiß ich davon nicht. Der Gustav hatte vor dem Haus einen Brunnen mit einer Wasserpumpe, das war schon etwas ganz Tolles. Dahinter kam dann noch das Haus  vom Karl Barth und seiner Frau Mill, sie hatten zwei Söhne, den 
Heinrich und den Karl. Der Heinrich war ein Bastler und machte die Landwirtschaft, und der Karl wurde Volksschullehrer. 
Zurück an die Straße. Hinter dem Haus Karl Weber war der Gasthof Klein, ein großes, gepflegtes Fachwerkhaus und sicher schon alt, denn an den Außenpfosten waren noch Ringe angebracht für die Pferde anzubinden. Hier wohnte der Kloke, genannt „der Kluge“, aber ich glaube, er war eher ein Schlitzohr und zog die anderen über den Tisch. Seine Frau Gustchen war eine Wick aus Rommen. Sie hatten drei Söhne, den Willi, ein Büromann, den Otto, der hatte KFZ-Schlosser gelernt, und den Fritz, der betrieb die Landwirtschaft und fuhr mit dem Pferd auch für andere Leute. Der Otto hatte im Keller eine kleine Autowerkstatt aufgemacht, es gab ja noch nicht viele Autos. Sie hatten auch noch einen Tante-Emma-Laden.

Ansichtskarte von Gierzhagen mit Gasthof Klein

 

v.l.n.r.: unterste Reihe: Otto Klein, Karl Bähner, der „Bürgermeister“ von Gierzhagen, Walter Sprenga?
Reihe Mitte: Wilhelm Lenz, Bäckerei Schladern, Werner Lipp (Frisörgeschäft Schladern), NN
oberste Reihe: NN, NN, Fritz Klein, Karl Becker (letzte Haus, linke Seite Ortsausgang Schladern nach Dattenfeld), Karl Zimmermann

 

Gasthof Klein, um 1980                                 Alle Fotos: Archiv Reinhold Weber

 

Haus Im Scheffengarten 2, rechts neben dem Gasthaus Klein

Hinter dem Hause Klein war quer über die Straße ein Graben, die „Chreute“, denn es war ja sehr abschüssig, und bei starkem Regen oder Gewitter kam da schon ordentlich Wasser. Hier begann auch der Neue Weg. Die Chreute teilte den Ort, es hieß dann, „der wohnt henger der Chreute.“ Das erste Haus am neuen Weg war links in einem Loch und sah schon sehr alt aus. Vielleicht war es das älteste Haus im Ort, denn dahinter war eine Quelle, die immer Wasser führte, auch bei langer Trockenheit. Bewohnt wurde es von Hollenbergs, ich kenne nur das Jettchen. Sie war immer in schwarz und sicher eine Kriegerwitwe. Sie hatte zwei Söhne, den Wilhelm und den Otto. Im Anschluß an die Quelle war ein Weiher (Teich), der als Feuerlöschteich gedacht war, aber er war immer verschlammt und hatte für den Zweck auch zu wenig Wasser, aber für uns Kinder zum Spielen war er schön, es floß dort Wasser, und es gab Frösche und anderes Getier. 
Dahinter kam das Haus Seelbach, davon weiß ich nur, daß sie fünf Söhne und eine Tochter hatten. 
Jetzt kam auf der rechten Seite das letzte, oder von unten das erste Haus, und das war der Wilhelm Weber, genannt „der Hüschter“, ich glaube, weil seine Mutter aus Hurst war. Er hatte eine Tochter Ruth und eine zweite Frau, Frieda, die erste war bei der Geburt des Kindes Ruth gestorben. 
Zurück und weiter in den Ort. Das erste Haus auf der linken Seite war der Johann Sprenger mit seiner Frau Jettchen. Sie hatten drei Söhne, den Paul, den Fritz und Walter. Der Johann kam, glaub‘ ich, aus Polen und war der deutschen Sprache noch nicht ganz mächtig. Vor dem Hause Sprenger gab es auch eine Trinkwasserpumpe, und ich glaube, sie war für jedermann zugänglich. 

Fritz Sprenga 1982. Er hatte in Schladern den Großhandel seines Schwiegervaters Julius Schiffbauer übernommen.
Foto: Archiv Sylvia Schmidt

Weiter ging es auf der linken Seite, das war ein Bauernhof, der auch den Hamans gehörte, jetzt aber verpachtet war an eine Familie Bensberg. Der Sohn Willi betrieb die Landwirtschaft, und da war noch ein Bruder Ernst, der sich aber garnicht um die Landwirtschaft kümmerte. Er war einige Jahre zur See gefahren, und jetzt machte er auf Künstler. Er hatte aus drei alten Nähmaschinen Drechselbänke gebastelt, und damit drechselte er aus dem farbigen Obstbaumholz große Holzknöpfe. Das Geschäft lief auch ganz gut. Um sich herum hatte er immer einige hübsche Mädchen, und er trug schon lange lockige Haare. Für diese Zeit schon ein recht flotter Typ. Wegen seiner Haarpracht nannten sie ihn nur „Struwwel“. Sein richtiger Name war wenig bekannt. Eines Tages hatte er die Idee, ein Segelflugzeug zu bauen und tat das auch. Es wurde Geld gesammelt, um das Leintuch für die Bespannung zu kaufen, und eines Tages war das Ding fertig und sah auch ganz gut aus, und ich glaube, es wäre auch geflogen, aber es gab kein richtiges Gummiseil, um es hochzuziehen, und außerdem konnte auch niemand fliegen.
Hinter Bensberg zweigte rechts wieder ein kleiner Weg ab. Das erste Haus an diesem Weg waren Löchers, sie hatten drei Söhne, den Wilhelm, den Rudolf und den Gustav. Mehr weiß ich davon nicht.  
Etwas weiter unten war dann noch das Haus Jungbluth, die Frau war auch Kriegerwitwe und hatte einen Sohn Fritz, der bei der Gemeindeverwaltung angestellt war. 
Das nächste Haus, nicht direkt an der Straße, waren wieder ein Weber. Sie hatten drei Söhne, den Wilhelm, den Richard und den Walter. Sie hatten ein schwarzes Pferd, und man nannte sie „Hütscher“, ich denke, die Frau war aus Hurst. 
Das nächste Haus, auch etwas zurückliegend, waren die Kleins, genannt „die Daniels“. An der Straße stand noch ein kleines Haus, darin war später ein kleiner Tante-Emma-Laden. Kleins hatten eine kleine Blechnerei und stellten Dachrinnen und ähnliche Dinge aus Blech her. Die Frau hatte der Klein aus dem Krieg mit aus Straßburg gebracht, und die deutsche Sprache fiel ihr noch schwer. Sie hatten fünf Töchter und zwei Söhne. Wir Kinder gingen sehr gerne dorthin, denn es war immer etwas ein kleines Durcheinander. 
Gegenüber, etwas erhöht, war das Haus der Ida Peters, sie war auch eine Kriegerwitwe und hatte einen Sohn Willi. Daneben war ihr Bruder, der Karl, mit seiner Frau Martha und einem Sohn Werner. Dahinter war eine große Scheune, sie gehörte den Webers (Hüschter), darüber war ein etwas größerer flacher Platz mit einem „Göpel“, das ist ein etwa fünf Meter langer Balken, der an einem großen Zahnrad befestigt ist. Das Zahnrad dreht ein kleineres Zahnrad, das an einer dicken Welle befestigt ist. Diese führt in die Scheune und treibt eine Dreschmaschine an. Das ist ein Gerät, welches das Stroh von den Körnern trennt. Das war schon ein Fortschritt, denn das mußte alles mit den Händen gemacht werden. Das Pferd zog an den Balken immer. 
Weiter geht es etwas bergab in die „Bitze“. Hier wohnen die Eschmanns. Der Alte ist ein Schumacher und betreibt auch noch sein Handwerk. Seine Frau macht nebenher die Stricklehrerin, sie bringt den Schülerinnen bei, wie man strickt. Sie haben zwei Söhne und eine Tochter. Der Wilhelm hat ein Schuhgeschäft in Schladern. Der Hein ist bei der Firma Langen in Schladern, und die Ida hat einen Musiker zum Mann. 
Zurück an die Straße geht es aufwärts, und es ist wieder ein Doppelhaus, in dem auf der linken Seite das Karls Mienchen wohnt und auf der rechten Seite das Weißenbrüchers Kalienchen mit dem Daniel, ihrem Bruder. Sie hatten auch einen Brunnen und eine Pumpe vor dem Haus.
Auf einer kleinen Anhöhe daneben ist das Haus der Sohnius. Er arbeitete in Wissen auf dem Walzwerk. Sie hatten fünf Söhne und eine Tochter. Der jüngste Sohn hieß Robert und war Jahrgang 1922, wie ich, und er hatte einen Buckel, aber das hat niemand erwähnt und beachtet, wir haben viel miteinander gespielt. Sie machten im Winter viele Laubsägesachen, bastelten Hampelmänner und dergleichen. 
Die Leute im vorletzten Haus im Dorf hießen auch Klein und hatten viele Töchter. Sie hatten auch einen Beinamen, aber der fällt mir nicht mehr ein.
Im letzten Haus im Dorf wohnte der Fritz Haman mit seiner Frau Mathilde, gerufen Mathilchen. Sie hatten zwei Söhne und eine Tochter. Der ältere Sohn war Schuster und hatte im Haus eine Werkstatt.
Mehr weiß ich über Gierzhagen nicht zu berichten.
Weil ich im Hause Sohnius nicht zurück an die Straße gegangen bin, sondern weiter aufwärts, habe ich versäumt, das kleine Haus der Trapkas zu erwähnen. Es gibt nicht mehr viel zu erzählen, er war sehr kriegsbeschädigt und hatte ein Holzbein, und es wurde immer vor ihm gewarnt, er schnallt das ab und schlägt damit um sich. Er hatte einen Sohn, Josef, der sich beim Gierzer Waldfest immer sehr einsetzte. Vor dem Haus stand ein dicker Walnußbaum.

Als Nachsatz will ich noch eine kleine Episode vom langen Fuchs erzählen. Also, der Fuchs kam abends oder nachts aus dem Gasthof Klein („Heinerschhaus“) und hatte sicher einen Korn zu viel intus. Auf dem Heimweg, es war ja stockfinster, war er etwas zu früh links abgebogen und war in der großen Viehweide gelandet. Hier lief er immer irgendwo gegen den Zaun. Mit Streichhölzern versuchte er, sich zu orientieren, aber es gelang ihm nicht, aber seine Trina hatte aus dem Fenster etwas gesehen und hat ihn aus seiner misslichen Lage erlöst. 

Am nächsten Tag stand ein Artikel in der Zeitung: „Wie der Fuchs in der Falle“

Die Ehefrau von Reinhold Weber um 1980 in ihrem Garten

Die dörflichen Verhältnisse
Im Ort hatte fast jeder eine Kuh oder zwei. Wer mehr als drei hatte, war schon fast reich, denn er mußte ja auch das erforderliche Land und Wiesen dafür haben. Wer Kuh usw. hatte, der mästete auch jedes Jahr ein Schwein. Die Leute ohne Besitz hatten meistens eine, zwei Ziegen (Hippen genannt). Für die Schweineaufzucht suchten sich die Leute im Frühjahr entweder auf dem Waldbröler Viehmarkt oder bei einem der Händler, die mit einem kleinen Lieferwagen vorbeikamen und Ferkel verkauften, ein Ferkel aus. Das wurde dann gemästet mit Magermilch und viel gekochten und gestampften Kartoffeln bis in die kalte Jahreszeit, dann war es fett und wurde geschlachtet, das immer so um die Weihnachtszeit. Die Hausschlachtung war auch immer ein besonderes Fest und viel Arbeit. Der Metzger war ein privater Mann, der das Handwerk mal erlernt hatte. Zur Überprüfung, ob das Schwein auch gesund war und keine Trichinen hatte, kam der Willmeroths Willi aus Mauel. 

Willi Willmeroth aus Mauel. Foto: Archiv Elfie Willmeroth

Er steckte die verschiedensten Fleischstücke in ein Mikroskop, und wenn alles in Ordnung war, bekam das Schwein einen Stempel und durfte verarbeitet werden. Der Willi war der Fleischbeschauer und bekam natürlich zu seinem Lohn auch immer ein Stück Fleisch. 
Aus dem Schwein wurde alles Mögliche gemacht. Man machte Blut- und Leberwurst, der Magen wurde umgedreht und dann vollgestopft und wurde Schwartemagen genannt. Platt natürlich „Schwademagen“, weil sicher auch viele Schwartenanteile drin waren. Vieles wurde in Gläser eingekocht, anderes in ein Faß mit starker Salzlake eingelegt. Wie lange das darin blieb, weiß ich aber nicht. Jedenfalls wurden nach einer Zeit die Schinken herausgenommen und in einer großen Holzkiste geräuchert. Im Einzelnen weiß ich die Vorgänge nicht, aber Papa konnte das sehr gut, und wir hatten immer einen köstlichen Schinken. Ich schreibe das so, wie es bei uns war, aber das Beschriebene geschah fast in jedem Haus auf diese Weise, und der Ablauf war jedes Jahr gleich. 
Die Ziegen sind ja sozusagen Allesfresser, und dafür mußten wir Kinder fast täglich nach den Schularbeiten zum Ziegenhüten („Hippenhöden“). Es wurde gerufen, und alle Ziegen kamen. Damit zogen wird dann den neuen Weg hinunter bis unten links in das kleine Tälchen. Die Ziegen fraßen mit Vorliebe die Blätter von den jungen Sträuchern, aber wir zogen dann weiter bis runter in das Tal vom Gierzer Bach und auf die Wiesen. Unsere Hauptbeschäftigung war dann „Forellen fangen“. Der Gierzer Bach war noch voll davon, und wir Kinder waren schon perfekt im Forellenfangen, wir wußten genau, wo sie sich versteckten, und daß man sie immer am Kopf packen muss, sonst flutschen sie wieder davon. Für Kinderspiele hatten wir sehr wenig Zeit, wir mußten immer irgendetwas tun. Für die Schularbeiten interessierte sich niemand so richtig, und sie konnten es vielleicht auch gar nicht. Diese Überlegungen kamen ja alle viel, viel später. 
Am späten Nachmittag zogen wir dann wieder mit unseren Ziegen nach Hause. Jede wusste, wo sie hingehörte, da brauchte man nichts unternehmen. 
Es wurde Herbst, das Grün der Kartoffeln war verdorrt, und so ging es an die Ernte. Hierfür benutzte der Papa einen „Kascht“, das war ein Gerät wie eine Hacke, hatte aber vorne drei, etwa 20 Zentimeter lange Zinken. Damit schlug er tief hinter den verdorrten Kartoffelstrauch ein und zog dann nach vorne, so kamen die Kartoffeln alle aus der Erde, und wir waren dafür da, diese aufzulesen. Sie wurden sofort in unterschiedliche Körbe sortiert. Kleine und beschädigte kamen in einen Korb für das Schwein, und das andere waren eben die Speisekartoffeln. Es war ein großes Feld, und die Ernte dauerte viele Tage, und es war schon kalt, und die Finger wurden steif. Das war meine Kinderzeit, und sie hielt noch an. Für den damals noch langen Winter mußte vorgesorgt werden. 
Nach der Kartoffelernte mußten noch die Runkelrüben ausgemacht werden. Das war noch viel schlimmer. Es war noch später im Jahr und noch kälter. Die Runkeln zog man am Laub aus der Erde, und dann wurde der Strunk, das waren Blätter, abgeschnitten und die Runkelrübe auf einen Haufen zum Abholen geworfen. Das Laub vergammelte auf dem Feld. Die Runkelrüben waren auf Platt natürlich die „Rommeln“. Die Rommeln wurden dann nach Hause gefahren und eingekellert. Als Zugang zum Keller gab es von außen einen Schacht, das sogenannte Kellerloch. Die Rommeln hielten sich und bleiben den ganzen Winter frisch. Dazu gab es dann die „Rommelsmaschin“, die an einer Kurbel mit der Hand gedreht werden mußte. Oben war ein großer Einfülltrichter, wo die Rommeln hineingeworfen wurden, und innen war eine Trommel mit vielen kleinen, runden Messern. Beim Drehen entstanden dann kleine Schnitzel, die eben als Kuhfutter gebraucht wurden. Das alles – Heumachen, Runkeln einbringen usw.- geschah alles, um die ein oder zwei Kühe im langen Winter satt zu kriegen. 
Einmal im Jahr wurde die Kuh zum Bullen („Bölles“) geführt, um gedeckt, befruchtet, zu werden. Der Bulle war manchmal gar nicht so nahe, dann trampelten wir mit der Kuh nach Öttershagen, nach Mauel, nach Langenberg usw., aber man mußte eben hin. Nachdem der Bulle diesen Akt vollzogen hatte, war die Kuh also trächtig. Ich muß mich schämen, denn ich weiß nicht, wie lange die Tragezeit ist, bis das Kälbchen auf die Welt kommt. Ist das Kälbchen dann glücklich da, wird es gemästet und gefüttert, und wenn es dann ansehnlich ist, wird es verkauft. Das brachte immer ganz schönes Geld ein, wer also mehrere hatte, hatte schon schöne Einnahmen. Jeder, der eine Kuh oder Kühe hatte, besaß auch eine Zentrifuge. Das war eine Maschine, die die Kuhmilch in Magermilch und Sahne trennte. Das Gerät wurde an einer Kurbel mit der Hand gedreht. Es bedurfte einer gewissen Geschicklichkeit, um die richtige Drehzahl zu kurbeln, denn in der Maschine war eine Trommel mit vielen Sieben, die die Milch trennte. Oben auf der Maschine war eine große Schüssel, in die die Kuhmilch eingefüllt wurde. Unten gab es zwei Röhrchen, aus dem einen floß die Magermilch, aus dem anderen die Sahne. 
Die Sahne wurde eine Zeitlang aufbewahrt, bis sie eine gewisse Festigkeit erreicht hatte, dann kam sie in die sogenannte Kirne, und es wurde so lange gestampft, bis die Fettanteile zu Butter wurden.  Die Kirne war wie ein hölzernes Rohr, der Durchmesser etwa 20 Zentimeter und etwa 1,50 Meter hoch. Der Stampfer war ein runder Teller mit mehreren Löchern an einem 2 Meter langen Stecken. Abgedeckt war die Kirne mit einem hölzernen Deckel, in dem in der Mitte das Loch für den Stecken war. Die Butterkrümel kamen dann in eine große Holzschüssel, die mehr wie eine halbe Kugel aussah. Die Krümel wurden zusammengepackt und dann wurde mit der Schüssel geschleudert und geschleudert und die austretende Molke immer wieder abgegossen, bis dann endlich die molkefreie Butter übrig bleib. Durch die Form der Schüssel sah sie aus wie ein Zeppelin, vorne spitz und hinten spitz, das war dann der „Butterweck“. Auf frisch gebackenem, eigenem Schwarzbrot war das eine Köstlichkeit. Es hieß ja auch: „Brut (Brot) van em Dag un Budder van er Stund, dat jeht lecker zum Mund.“ 
Irgendwann gab es dann irgendwo (ich glaube, es war Leuscheid) eine Molkerei, also eine Milchverwertungsfabrik. Von da aus wurden an die Bauern Milchkannen verteilt, und diese konnten dann ihre Milch dorthin verkaufen. Dazu gab es mitten im Ort einen grob zusammengezimmerten Tisch, den sogenannten Milchbock. Auf diesen Milchbock stellen die Leute ihre Kannen mit Nummer und Namen, und ein Tankwagen holte sie ab zur Molkerei. Abends saß die Gierzer Jugend auf diesem Milchbock. Ab dieser Zeit gab es dann die Butter in den noch heute gängigen Päckchen. Der „Butterweck“ hatte ausgedient, die Zeit hatte ihn überrollt. Die Zentrifugen landeten auf dem Müll, der zu dieser Zeit noch meistens auf der Arndsecke entsorgt wurde. 
Mit den Ziegen (Hippen) geschah ähnliches, auch sie wurden zum Ziegenbock (Hippenbock) gebracht, um gedeckt zu werden. Den Bock gab es hier in Rosbach-Hof, auf dem Weg nach Langenberg auf der linken Seite das erste Haus. Dort wohnte die Besitzerin, und das war die Bocks Lehn, wie sie richtig hieß, weiß ich nicht, sicher Helene. Der Gestank war schon in 100 Meter Entfernung zu riechen. Ziegenböcke stinken ja ganz fürchterlich. Auch hier weiß ich keine Tragezeit. Nachdem dann die Zicklein geboren waren - die Ziege gebar meistens eins, manchmal auch zwei- wurden sie etwas aufgepäppelt und gefüttert, bis es sich lohnte, sie zu schlachten. Das besorgte der Julius Seligmann aus Rosbach, er war ein Jude und schächtete die Zicklein wie es im Orient üblich ist. Wir Kinder standen dabei und schauten zu. Heute käm dafür jemand ins Gefängnis. Das war also in groben Zügen die Beschreibung der Tierhaltung. 
Die sogenannte Landwirtschaft, Bearbeitung von Feld und Wiese und Garten habe ich ja schon kurz beschrieben, aber ich kann dazu nur sagen, es gab das ganze Jahr Arbeit. Es fing im Frühling an mit Kartoffelsetzen („Erpel“ setzen), dann folgte Kohl setzen, Runkelrübenpflanzen setzen. Danach ging es schon bald los mit Heu machen, evtl. noch „Grummet“. Inzwischen mußten die Kartoffelpflanzen behäufelt werden. Die Felder sauber halten von Unkraut, gehörte natürlich dazu. Dann kam schon bald die Erntezeit. Zunächst wurde das Getreide gemäht, dazu hatten sie sich für uns Kinder einen trickreichen Ausdruck ausgewählt. Ich mußte mit, um den „Hund zu halten“. Mein Vater mähte den Roggen mit der Sense, und damit die Halme nicht zurück auf die Sense fielen, mußte ich mit einem langen Stock (das war der „Hund“) dagegen drücken, daß es richtig fiel und das stundenlang. Vergnüglich für einen 8- bis 10-Jährigen sicher nicht. 
Dann kam schon die Kartoffelernte („Erpel usmaachen“), danach die „Rommeln“, die Runkelrüben, und wenn das geschehen war, stand auch schon der Winter an. Da ging es noch in den Wald, um Brennholz zu schlagen, denn der Herd mußte auch gestocht werden.
Die Winter waren lang, und oft gab es sehr viel Schnee. Räumgeräte kannte man nicht, alles mußte mit der Hand geschaufelt werden. 
Das war in groben Darstellungen unser Leben durch das Jahr. Kinderspielzeit gab es wenig, und für die Schularbeiten interessierte sich kein Mensch. Damit will ich für heut‘ das Klagelied beenden, es ist ja schon lange her. Es war nicht immer die „gute alte Zeit“.

Waldfest
Beginnen werde ich zunächst mit dem vergnüglichen Teil, der war selten genug, aber einmal im Jahr war etwas los, und das war: „Das Gierzer Waldfest“. Organisiert und geleitet wurde das Ganze von einem Freundschaftsbund, in dem fast alle Bewohner Mitglieder waren. 
Zu dieser Zeit war das „Gierzer Waldfest“ etwas ganz Besonderes und weit über die Grenzen bekannt. Es gab ja noch nicht überall Kirmes und was weiß ich für Festlichkeiten und Veranstaltungen, und da war dieses Fest, dazu noch mitten im Wald, etwas ganz Besonderes.
Es kam eine große Musikkapelle (Blaskapelle) aus Bonn oder Siegburg, die Musiker waren für drei Tage bei den einzelnen Familien einquartiert. Es wurde ein großer Tanzboden aufgezimmert, rundherum wurden Birkenbäumchen aufgestellt. Die Tanzmusik war zu dieser Zeit Walzer, Foxtrott, Zweitritt usw., ich kenne mich da nicht so gut aus. Freitag vor dem Fest holten die Jungens junge Birken aus dem Bodenberg, das ist der Wald zwischen Siegtal und Bröltal. Hier gibt es ja noch sehr viel Wald, und auf den vor ein paar Jahren abgeholzten Flächen wachsen schnell die Birken heran, und die durften sie holen, weil sie ja keinen Nutzwert haben. Diese Birkenbäumchen stellten sie an der Straße aus der Poche bis auf die Arndsecke (Festplatz) an beiden Straßenseiten auf. Den Festplatz auf der Arndsecke gab es meines Gedenkens schon immer, und woher der Name und der Platz kommt, das weiß ich leider nicht. Das Fest war immer gut bestückt. Es gab eine Wurstbude, eine Kuchenbude, eine Schießbude und noch allerlei mehr, auch für Kinder. Das Besondere war aber eine etwa sieben bis neuen Meter lange Stange, die senkrecht aufgestellt war und ganz glatt gemacht. An der Spitze hing eine dicke Wurst. Die konnte man sich erklettern. Ich habe fast immer eine Wurst bekommen, denn ich konnte gut klettern. 
Die Hauptattraktion war aber das Kettenkarussell und die Schiffschaukel. Mit diesen beiden Geräten kam die Schambergers Marie jedes Jahr zum Waldfest. Sie hieß Maria Schamberger und kam aus Marienberg oben im Westerwald. Das Kettenkarussell stand links am Zugang zum Festplatz und mußte mit Manneskraft angetrieben werden. Dazu war oben im Karussell ein Rundlauf, und starke Jungs schoben das Ding an, bis die Stühlchen richtig flogen, dafür durften sie dann einige Fahrten umsonst machen. Daneben stand eine große Drehorgel, die ziemlich laute Musik von sich gab, wenn sie richtig gedreht wurde, und das machte meistens der Arnds Robert, der ja sehr behindert war, und das sah dann schon sehr lustig aus. 
Das beste Gerät war aber ja die Schiffsschaukel. Sie hatte acht Schiffchen und stand auf der rechten Seite von Platz an der Böschung. Wir Halbstarke halfen freitags fleißig beim Aufbau der Schaukel. Dafür durften wir dann nach der Fertigstellung kostenlos schaukeln. Dazu eine Episode:
Der Arnds (Barths) Rudi und ich schaukelten in einem Schiffchen, und in dem Schiffchen daneben schaukelte der Walter Spengler alleine. Wir waren ja noch wild und schaukelten kräftig und hoch, es war ja Freitag, und aufpassen tat niemand so richtig. Plötzlich rief der Rudi: „Dä Walter es net mi do!“ Wir schauten gebannt auf das leer vorbeiflitzende Schiffchen, aber der Walter war nicht mehr drin. Wir schrien laut, bis das Ding dann endlich mal zum Stehen kam. Wir liefen sofort die Böschung hinunter und suchten und riefen im Wald, aber der Walter war nicht zu finden. Endlich rief jemand: „He es he!“ Wir zogen ihn aus einem dicken Strauch, der bestand aus lauter jungen, frischen, dünnen Zweigen. Da hinein war er geflogen und wie mit einer Matratze aufgefangen worden. Er war etwas benommen, aber sonst fehlte ihm gar nichts. Da hatte er aber einen guten Schutzengel gehabt. Er war anderntags wieder auf dem Waldfest. 
Es wurde getanzt bis in den Morgen und natürlich viel Bier getrunken. Am Sonntag gab’s dann selbstgebackenen Kuchen und Kaffee. Es war allseits große Heiterkeit und Freude, daß man sich traf und etwa quatschen konnte. Am Montag wurde auch noch gefeiert, und erst am Dienstag wurde das letzte Bierfässchen auf einen Handwagen geladen, bunt bekränzt und durch das Dorf gezogen. Das halbe Dorf war hinterher, und das Fässchen wurde leer gesoffen. So, das war in groben Zügen „Das Gierzer Waldfest“. 
Will noch erwähnen, daß die Kapelle immer einmal das Lied spielte: „Et koom en Jud‘ van Halsched eraf, hat er en Koh, hat er en Zeeh, dä Jud‘ dä krid denn Daler net, un wenn hä net mie widderküt.“ Das bezog sich nur darauf, weil die Juden ja die meisten Viehhändler waren. Zu dieser Zeit hatte noch niemand was gegen die Juden, denn der Hitler war ja noch nicht da. Ich wußte da noch gar nicht, wo Halscheid war, denn zu Fuß war alles sehr weit. 
Erinnerungen an die Zeit der Bahnpost
Ich war viele Jahre bei der Bahnpost beschäftigt, im Ganzen waren es wohl 30 Jahre. Ich habe im Alter von 28 Jahren, im Jahr 1948, bei der Bahnpost angefangen.
Zu dieser Zeit war Inflation. Die Geschäfte waren leer, denn zu kaufen gab es kaum was. Essen kaufen konnte man nur auf Marken. Köln war ziemlich zerbombt. Es gab keine Industrie, daher auch wenige Arbeitsplätze. Irgendwo hörte ich, die Bahnpost suche dringend Leute. Ich ging hin und wurde auch genommen. So habe ich dann bei der Bahnpost angefangen.
Beim Amt 10, am Krefelder Wall, begann ich erst mit der Einweisung. Für mich sollte der Unterricht schnell vorbei sein. Der Personalchef kam in den Unterrichtsraum und sagte, er brauche einen Mann, der nach Olpe mitfahren kann. Er schaute mich an und sprach zu mir: „Du machst das schon, Du bist der Mann.“
Am nächsten Morgen in aller Früh bestieg ich den Bahnpostwagen mit zitternden Knien. Ich hatte zuvor noch nie einen Bahnpostwagen gesehen und wusste nicht, was zu machen war. In Olpe war ich noch nie gewesen, auch die Orte bis dahin kannte ich nicht. Da stand ich nun als Anfänger, dann kamen zu mir zwei ältere Männer. Mit drei Fahrern, das musste gehen, mehr war dafür nicht vorgesehen. Dienstleiter, Wertbeamter war einer, der andere Verwerfer, Briefverteiler. Der letzte Mann war ich, der sogenannte „Böckjung“. Dann ging es los, diese Fahrt vergesse ich nie.
Ich musste nach Allem fragen; die Neuen, die wollte keiner gerne betreuen. Auf Fragen kam oft die Antwort, schlag nach, steht alles im Buch. Zu diesem Anfang brauchte man Kraft, doch ich habe es geschafft.
Zu dieser Gruppe gehörte die Fahrt Köln - Gießen, diese Tour wurde sehr gerne gefahren. Sie ging durch Rheinland-Pfalz. In Betzdorf konnte man Schmalz ohne Marken bekommen. Auch Tabak war schon im Handel, denn Rheinland-Pfalz war schon im Wandel. In Gießen, das war in Hessen, war US-Revier und da gab es auch schon Bier. Die Strecken Olpe und nach Gießen, die konnte man genießen. Es gab noch eine dritte Strecke, die lag in der Mitte, das war von Köln-Kalk nach Lindlar. Diese Strecke ging durch Wald und Flur, man sah nur Kühe und Natur. Von Köln nach Deutz gabs da noch keine Gleise, die Hohenzollernbrücke lag noch im Rhein. In Kalk wurde der Wagen mit Post vollgeknallt, dann fuhr der Zug. Wir krochen auf allen Vieren, um diesen Wust mal zu sortieren. Manches blieb dabei auch mal liegen, das war auf der Rückfahrt wieder hinzubiegen. Die Zeitung musste raus, sonst gab es Krach im Haus.
Eines Tages, ohne Vorankündigung, kam ein Wagen mit viel Tarnung. Er brachte viele grüne Säcke, die waren für die Orte an dieser Strecke. Wir schauten mal genauer hin. Wir erkannten sehr schnell, da war die D-Mark drin. Der Kollege Mathes und ich hatten einen Krampf im Bauch dabei, denn es waren viele grüne Säcke. Also viele Scheine und man ließ uns damit auch noch alleine. Die Fahrt ging nach Lindlar, die Orte, die dazwischenlagen, bekamen ihre Säcke dort abgeladen. Es war ein großer Tag in meinem Leben, den wird es nicht nochmal geben.
Die Fahrer auf den großen Touren nannten uns die „Buren“. Kalk - Lindlar, diese Strecke wurde „Immekeppel - New York genannt. Aus dieser Zeit gibt es noch einige Geschichten zu erzählen, das wird nur zu viel.
Irgendwann kam dann die Wende, das Bahnpost fahren sollte eingestellt werden. Ich fuhr dann auf den großen Strecken, zunächst nach Süden bei Amt 10, es gab neue Städte zu sehen. Der Norden kam später dazu. Dann sprach man davon, dass Bahnpost fahren ganz zu beenden. So kam es dann auch. Ich wurde krank, wurde pensioniert, dadurch bekam ich die Veränderung nicht mehr mit. Es war eine schöne Zeit, an die ich gerne zurückdenke.
 
Reinhold Weber
51570 Windeck-Hurst
Haus Bonifatius
geboren am 30.08.1922
geschrieben im April 2019

(HJH)


Rommener Str. 14