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Vom einstigen Schulleben in Dattenfeld

Text | Schulen | 15.06.2026

Dieses Schild gibt Auskunft über alle drei ehemaligen Dattenfelder Volksschulen. Es hängt an der Schule Nr. 2

Von Sylvia Schmidt

Eine außerordentliche Besonderheit, so unscheinbar, dass selbst nur wenige Ortsbewohner sich dessen bewusst sind, findet sich in Windeck Dattenfeld. Wie an einer Perlenschnur reihen sich in der Alten Schulstraße unterhalb vom Siegtaldom, jeweils wenige Schritte voneinander entfernt, drei ehemalige Volksschulen. 1954 wurde schließlich eine ausreichend große vierte Schule am Dreifelder Kirchweg gebaut, heute Gemeinschaftsgrundschule mit Dattenfeld als Hauptstandort und Herchen als Teilstandort.

Wie das Leben damals in Dattenfeld war, wie es zu den drei Volksschulen dicht an dicht kam, das hat dankenswert und gründlich der verstorbene Lehrer Herbert Bohlscheid recherchiert und 1979, zum hundertjährigen Bestehen vom MGV Dattenfeld, in dem Büchlein „Dattenfeld einst“ ausgezeichnet festgehalten. 

Seit dem frühen Mittelalter oblag die Bildung der Jugend ausschließlich der Kirche und war weitgehend Privatsache der Geistlichen und der Eltern. Weil Dattenfeld bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zum Herzogtum Berg gehörte, dürften die Verhältnisse in Dattenfeld den üblichen entsprochen haben. Der Pastor und die ein oder anderen Amtsperson waren die einzigen im Dorf, die des Lesens, Schreibens und Rechnens kundig waren. Der Pastor hatte neben Pflichten als Seelsorger für seinen Unterhalt einen landwirtschaftlichen Betrieb zu bewirtschaften. So wurden Vikar oder Küster mit dem Unterricht betraut. Diese verfügten meist selbst nur über notdürftige Kenntnisse. Eine Verpflichtung zur Teilnahme am Unterricht bestand nur insoweit, als Respekt und Angst vor der Macht der Pastöre es gebot. 

Blick auf die erste Volksschule, das heutige Haus Joest unterhalb vom Siegtaldom, in der 1795 der Schulbetrieb mit einem Raum begann.: Schmidt

Nachdem die Regierung erstmals die schulpflichtigen Kinder feststellen lässt, eröffnet 1795 in Dattenfeld die erste Volksschule in der Alten Schulstraße im heutigen Haus Joest, am Treppenaufgang zum Siegtaldom. Als Lehrer wird der Küster und Organist Joseph Bestgen eingesetzt. Sein Lohn besteht aus acht Stübern Schulgeld im Monat pro Kind (laut Bohlscheid: 36 Pfennige/ heute 18 Cent). Es gibt nur ein Klassenzimmer. Bei jedem Wetter machen sich die Schüler auf unbefestigten Wegen, teilweise aus weit entlegenen Orten und Weilern, auf den Weg. Unzureichend gekleidet, erreichen sie oftmals nass und durchfroren die Schule. Das Brennholz zum Heizen müssen sie reihum selbst aus den Ortschaften mitbringen. Für höhere Klassen ist bis nach dem Ersten Weltkrieg von acht bis zwölf, im Winter von neun bis zwölf Uhr Unterricht und nachmittags ganzjährig von 13 bis 16 Uhr. Es spricht für sich, dass 1842 Lehrer Schwellenbach eine Schenkung von hundert Thalern macht, deren Zinsen zur Bekleidung armer Kinder verwandt werden sollen. Hausaufgaben gibt es nur im Winter. Die Schulpflicht dauert vom sechsten bis zum vollendendeten zwölften Lebensjahr, wird aber weitgehend nicht erfüllt, denn die Kinder werden bei Haus- und Feldarbeit gebraucht. Die Armut der Menschen ist so groß, nur wenige Eltern können das Schulgeld für ihre Kinderschar aufbringen. Somit nagt auch der Lehrer am Hungertuch. 

Nach dem Wiener Kongress 1815 gehört Dattenfeld zum Königreich Preußen. Wichtigste Neuerung für den Schulbetrieb ist, dass nur noch ausgebildete Lehrer angestellt werden dürfen. Die Besoldung und ausbleibende Schulbesuche bereiten auch die folgenden Jahrzehnte erhebliches Kopfzerbrechen. 1817 ist die Schule so überfüllt, dass im Nachbarort Rossel eine weitere Schule gegründet wird. Die Schulkinder aus Windeck, Schladern, Dreisel und einigen kleinen Weilern verbleiben in Dattenfeld.

Als 1819 Joseph Schwellenbach aus Schladern als Lehrer folgt, erhält er ein Fixum sowie Schulgeld von Eltern, die es zahlen können.  Zusätzlich gibt es fünf Thaler Gartenentschädigung und freie Wohnung. Unterrichtet wird Religion, Deutsch, Rechnen und Gesang. Mitte des 19. Jahrhunderts auch Erdkunde, wobei die erste Wandkarte erst 1866 angeschafft wird. Um 1875 wird der Fächerkanon um Geschichte, Naturlehre, Naturkunde, Zeichnen, weibliche Handarbeit und Turnen erweitert. Sehr ernst genommen wird ab den 1830er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg besonders für Knaben der Obstbaumschnitt. Im schuleigenen Garten werden Obstbäume vom Samen bis zum veredelten Kern gezogen. Gegen geringes Entgelt dürfen Kinder Bäumchen mit nach Hause nehmen, die anderen werden zugunsten der Schule verkauft. Für Gemeinschaftsveranstaltungen und dringend benötigte außergewöhnliche Anschaffungen der Schule gehen im Sommer alle Schulkinder Waldbeeren pflücken. 

1828 besuchen 225 Schulkinder die Schule, alleine von Lehrer Schwellenbach in zwei Schichten unterrichtet. Die als notwendig erachtete zweite Lehrkraft, wird erst 1844 bewilligt. Mit Unterlehrer Johann Weinstock aus Oberkassel erfolgt vermutlich der Umzug ins benachbarte Fachwerkhaus Heuser, einmal um die Ecke.

Die Schule Nummer 2 zieht vermutlich 1844 ins benachbarte Fachwerkhaus um, wo zunächst zwei, später noch eine dritte Klasse unterrichtet wird.

Endlich stehen zwei Klassen zur Verfügung. Als Weinstock 1859 nach Rossel versetzt wird, kommt mit Fräulein Jüdefeld die erste weibliche Lehrkraft an die Schule. Die Schüler werden nun nach Geschlecht unterrichtet. Für das Jahr 1861 ist die Einwohnerzahl mit 1280 im Kirchspiel Dattenfeld hinterlegt. Drei Jahre später wird die Schule dreiklassig. Eine zusätzliche Klasse wird im Speicherraum eingerichtet und ist heute fast noch im Originalzustand erhalten. Über den Schulbesuch schreibt 1863 Landrat Maurer: „Ein Drittel der schulpflichtigen Kinder fehlt ständig“.

Am ehemaligen dritten Klassenraum unter dem Dach wurde bis heute nicht viel verändert.  

1866 folgte Johann Franz Lückeroth als Nachfolger auf die erste Lehrerstelle. Er hält in der Chronik fest, dass Landrath Maurer 1869 seinem Vorgänger Schwellenbach für die Verdienste in 50 Jahren Schuldienst im Auftrag Seiner Majestät König Wilhelm den Hausorden der Hohenzollern IV. Klasse überreichte. Ganz Dattenfeld hätte die Ehrung zum Anlass genommen, den Jubilar mit einem großen Fest zu ehren. 

1871 erhielt Juliane Weinand aus Dattenfeld mit 14 Jahren ihr Abschlusszeugnis. 

Dieses Foto zeigt sie etwa um 1935 als alte Frau vor ihrem Haus „Im Ünken“ (verheiratete Tibus).

Lehrer Lückeroth besuchte mit Schülern täglich den Gottesdienst. Unter Reichskanzler Bismarck entspringt die Zeit des Kulturkampfs zwischen Kirche und Staat. Dieser Kampf wird ab 1874 auch in Dattenfeld zwischen Pfarrer Hilden, Lückeroth und dessen Nachfolger Christian Etzbach ausgetragen. 

Auf anhaltenden Druck der Königlichen Regierung beschließt der Rat der Gemeinde

den Bau eines neuen, dreiklassigen Schulgebäudes, keine fünfzig Meter entfernt von der Vorgängerin. Zeitgleich werden kurz hintereinander 1878 die Grundsteine für die Neubauten der Schulen Dattenfeld, Rossel und Dreisel sowie für die Pfarrkirche St. Laurentius gelegt. Bohlscheid schreibt: „Was es für eine arme Gemeinde wie Dattenfeld damals bedeutete, vermögen wir heute nur noch zu ahnen.“

Volksschule Dattenfeld 1912. Zu der Zeit waren Franz Lückeroth als Hauptlehrer, Hugo Recht als Schulamtsbewerber und Else Pohlmann als Lehrerin an der Schule. Auf diesem Foto von 1912 dürften einige Kinder von Juliane Tibus abgebildet sein. 

Das lang gezogene Fachwerkhaus links ist Schule Nr. 2, der große Backsteinbau in der Mitte Schule Nr. 3, unterhalb vom Siegtaldom war Schule Nr. 1. Die heutige Schule Nr. 4 liegt hinter dem Siegtaldom. Repro: Schmidt

Blick auf die alte Schule Nummer drei, die bis Mitte der 1950 Jahre in Betrieb war.

Normalerweise ist dieser Bau gemeint, wenn von der „Alten Schule“ die Rede ist, die bis Mitte der 1950er Jahre in Betrieb war.

Lehrer Anton Gauchel aus Windeck-Dreisel (23.06.1900 - 15.05.1964) ist noch vielen Windeckern in Erinnerung.

Im Jahr 2018 haben Matthias und Franziska Müller das Anwesen erworben und  behutsam renoviert.

Die Treppenstufen sind vom Rauf und Runter vieler Kinderfüße gezeichnet. Müllers haben die Spuren erhalten und frisch überarbeiten lassen und mit Einzelstücken Akzente gesetzt, die die einstige Bestimmung des Hauses wiedererkennen lassen. 

Franziska Müller steht in ihrem Wohnzimmer, früher ein Klassenzimmer (siehe Foto, das sie in die Kamera hält). Den Aufgang mit Treppe gab es damals nicht. 

Das historische Pult und die Tafel haben Müllers aus einer alten Schule in Nümbrecht erstanden, die schmücken jetzt das Wohnzimmer.

Die Schultoilette …

… ist heute Outdoor-Wohnzimmer und Franziska Müllers Lieblingsplatz. 

Fotos und Repros: Sylvia Schmidt

Der gesamte Beitrag über das Schulwesen in Dattenfeld im Büchlein „Dattenfeld einst“ von Herbert Bohlscheid aus dem Jahr 1979 ist unbedingt lesenswert. 

 

 

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