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Vera Lwowski erinnert sich an den Bombenangriff auf Rosbach

Text | Dorfgeschichten | 02.02.1945

Meine Erinnerungen an den Bombenangriff auf Rosbach am 02.02.1945 

Vera Lwowski-Caminneci                            Foto: Lwowski
(* 08. 1923 in Dattenfeld)

Aufgezeichnet von Sohn Harald, Dattenfeld, im Januar 2020

Es ist nun sehr lange her, und ich erinnere mich heute, als ehemaliges Mitglied der damaligen weiblichen Dattenfelder Feuerwehr, die am 2. Februar 1945 in Rosbach gerettet und gelöscht hat, nur noch an einige wenige Details. Da alle wehrfähigen Männer und sogar alle jungen Burschen zum Wehrdienst und zur FLAK (Flugabwehr) eingezogen waren, war im Herbst 1944 die Dattenfelder Frauenfeuerwehr gegründet worden. Dieser Frauenfeuerwehr gehörten 16 junge uniformierte Mädchen an, die durch den Wehrführer Willi Schmidt und unsere beiden hervorragenden Ausbilder, die Brandmeister Josef Penny und Johann Welteroth geführt wurde. Ich vermute, dass von meinen damaligen Kameradinnen heute niemand mehr lebt. Unsere Mannschaft bestand bis etwa April 1945. Dann wurde der aktive Feuerwehrdienst wieder von in ihre Heimat zurückgekehrten Männern übernommen. Auf der für uns junge Frauen seinerzeit würdig gestalteten Abschieds- und Dankesfeier, hielt ich für uns alle eine Abschiedsrede, deren Text noch erhalten ist.

Nachdem wir durch das Heulen der Sirene alarmiert und uns am hölzernen Feuerwehrturm an der Dattenfelder Volksschule versammelt hatten, waren wir darüber informiert worden, dass Rosbach Opfer eines fürchterlichen Bomberangriffs geworden war. Die uns zur Verfügung stehende Motorspritze vom Typ TS 4 auf Lafette, musste von Hand, einem Pferdefuhrwerk oder einem Kraftfahrzeug, von denen es kaum welche gab, gezogen werden. Mein Vater Waldemar Caminneci, der seit 1924 Ehrenmitglied der Dattenfelder Feuerwehr war, hatte der Feuerwehr im Jahr 1928, da war ich gerade 5 Jahre alt, einen Lastkraftwagen als Mannschafts- und Gerätewagen geschenkt. 

Dieser Lastkraftwagen scheint aber gegen Ende des Krieges nicht mehr in Betrieb gewesen zu sein. Wie wir es nicht anders kannten, fuhr mein Vater auch bei diesem Einsatz unsere Motorspritze an seinen Pkw gehängt, zum Einsatzort nach Rosbach. Wie unsere Mannschaft nach Rosbach gekommen ist, erinnere ich im Detail nicht mehr. Oft mussten wir ja zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu den Brandstellen eilen oder mein Vater, wenn er zu Hause war, fuhr das Auto hochbepackt, mehrfach zwischen Dattenfeld und dem Brandort hin und her, bis wir alle am Brandort einsatzbereit waren. Sein Auto vom Typ Wanderer war in dieser Zeit weit und breit der einzig noch fahrbereite Pkw, der von den deutschen Behörden deshalb nicht beschlagnahmt worden war, weil er als Feuerwehrfahrzeug eingesetzt wurde und für uns unentbehrlich war. Ich erinnere auch, dass es für meinen Vater in den Kriegsjahren oft sehr schwer war, überhaupt an Benzin für das Auto zu kommen. Wenn man Glück hatte, fand man zufällig noch etwas Benzin in abgeworfenen fast leeren Benzinkanistern, die von den Engländern und Amerikanern zur Erleichterung ihrer Flugzeuge nach den Bombenabwürfen abgeworfen worden waren.

Die weibliche Feuerwehrgruppe der Dattenfelder Feuerwehr aus den Jahren 1944 und 1945.
Obere Reihe von links: Bauer M., Weber L., Moll I., Kehlenbach J., Dahm M., Ottersbach M., Pohl K.
Untere Reihe von links: Penny Josef., Path K., Bestgen A., Path M., Schmidt W., Lwowski-Caminneci Vera, Kölschbach E., Heiden K., Simon L., Welteroth J.
Sitzend: Ottersbach M., Stöver M.             Foto: Urheber vermutlich Waldemar Caminneci

In Rosbach angekommen, bot sich uns jungen Mädchen ein fürchterliches Bild, wie wir es so noch nie gesehen hatten. Überall Trümmer, die meisten Fachwerkhäuser im historischen Ortskern waren zusammen- oder auseinandergebrochen. Es brannte und rauchte überall. Insbesondere die Häuser in der Nähe des Kirchhofes waren völlig zerstört. Wir löschten die Brandherde und bargen Verletzte und viele Tote, wo wir konnten. Es stellte sich nach und nach heraus, dass neben Einzelpersonen auch ganze Familien getötet worden waren. Auch in der Umgebung waren die Häuser nicht mehr bewohnbar. Viele Bewohner hatten noch versucht, sich während der Bombenabwürfe in ihre Hauskeller zu flüchten. Dabei waren viele Rosbacher in ihren Kellern verschüttet worden. Sie waren vielfach schwer verletzt eingeschlossen oder wegen zerstörter Wasserleitungen gar ertrunken.

Besonders schlimm habe ich in Erinnerung, dass wir Mädchen während der Lösch- und Rettungsarbeiten aus tieffliegenden Flugzeugen mit Bordkanonen gezielt und rücksichtslos beschossen wurden. So waren wir gezwungen, das Löschen und Bergen zu unterbrechen und Schutz zu suchen. Wir liefen den Berghang hinauf (Richtung Hurster Straße/Waldkrankenhaus) und warfen uns zum Schutz in dort vorhandene Wassergräben. Immer wieder flackerten Brandherde auf und wir versuchten mit großer Mühe, verschüttete Keller zu öffnen um Verletzte zu retten und gar Tote zu finden. Wir retteten und löschten über einige Tage hinweg und hielten nachts Brandwache. Ich erinnere mich gut, dass die zwei tüchtigsten und mutigsten unserer Mannschaft ausgerechnet die zwei jüngsten Mädchen waren. An ihre Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass sie aus den zwei Häusern am Sportplatz in Übersetzig stammten.

Auch erinnere ich mich noch, dass der Rosbacher Apotheker, Herr Schönen, durch den beim Bombardement entstandenen Luftdruck auf der Flucht in den Keller seines Hauses, auf der Kellertreppe erstickt war. Seine Schwiegertochter Doris war meine Klassenkameradin aus dem Siegburger Lyzeum. Sie stand verwirrt oben auf den Trümmern der Apotheke und steckte mir ihren geretteten Schmuck in eine Tasche meiner Uniformjacke mit der Bitte, diesen für sie zu retten. Viele der geborgenen Toten legten wir u.a. in die evangelische Kirche. Diese war – bis auf die zersprungenen Fenster – weitgehend unbeschädigt geblieben. Und an ein weiteres Detail kann ich mich erinnern. Auch das Rathaus war schwer beschädigt. Während unserer Löscharbeiten trugen Retter immer wieder Kleidungsstücke aus dem unversehrt gebliebenen Rathauskeller heraus. Ich vergesse nie, dass ich darunter von meinen Eltern im Zuge der zahlreich durchgeführten Kleidersammlungen gespendete Kleidungsstücke wiedersah: Uniformjacken und -hosen der Deutzer Kürassiere, von meinem in der Familie so heiß geliebten, im I. Weltkrieg in Frankreich gefallenen Onkel Quintino Caminneci. Offensichtlich hatten die dortigen Stellen die gespendeten Kleidungsstücke gehortet, anstatt sie weiterzuleiten.


Vera Lwowski 

kam als Vera Caminneci auf Burg Dattenfeld zur Welt. Ihr Großvater Andrea Caminneci, war Eigentümer von Schloss Windeck, dessen Dach und 1. Obergeschoss bei einem amerikanischen Angriff mit Phosphorgranaten von den Leuscheider Höhen Oster 1945 ausbrannten. Mit 19 Jahren begann sie ihr Studium der Bildhauerei an den Kölner Werksschulen. Sie wurde Tierbildhauerin, lebte in Bonn und Brüssel und lebt sie seit den 1980er Jahren nicht weit vom Geburtshaus in Dattenfeld entfernt. Vera Lwowski ist heute (Februar 2025) 101 Jahre alt und vermutlich die einzige noch Lebende der weiblichen Frauenwehrgruppe. 

Foto: Lwowski

Die junge Vera Caminneci ist ein Mädchen mit Mumm. Hier ist sie am 16. September 1939 vor ihrem Ritt von Siegburg nach Dattenfeld auf „Pippa“ zu sehen. Das Polopferd im Ruhestand bekam sie 1939 von ihrem Onkel Alfred Keller, Siegwerk-Farbenfabrik Siegburg, geschenkt. Sie ritt es von dort nach Dattenfeld. Auf dem Foto steht Onkel Alfred Keller links zur Verabschiedung von Nichte und seinem geliebten „pensionierten“ Polopferd.

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(HJH)


Dreifelder Kirchweg 5Dattenfeld