Aus dem Leben von Kurt Müller aus Schladern
Von Kurt Müller und Reinhard Wagner

v. li.: Else, Christa, Kurt, Eva, Karin und Klaus Müller
Vor seinem Tod 2018 interviewten Wolfgang Bredenbrock und Reinhard Wagner für
unseren Verein Windeck im Wandel Kurt Müller aus Schladern. Sein Sohn Klaus
ebenfalls anwesend, machte uns auf das Buch aufmerksam, in denen KuMü, wie er
hier überall gerufen wurde, seine unveröffentlichten Lebenserinnerungen
niedergeschrieben hat. Mit seiner Erlaubnis zitiere ich an der einen oder anderen
Stelle aus seinem Buch, denn auch seine Sprache, oft verbunden mit dem ihm
eigenen Humor, charakterisiert den Menschen Kurt Müller.
„Ich will nach Schladern!“
Ende des Zweiten Weltkrieges stand für Kurt fest: „Ich will nach Schladern!“ Als Kind
schon war Kurt Müller zu Kurzferien öfter bei nahen Verwandten seines Vaters
gewesen, Ferienquartier war bei Tante Anna, der Inhaberin der „Gaststätte Müller“
gegenüber vom Bahnhof. Doch bis hierher war der Weg weit gewesen.
Der Anfang
Am 7. Januar 1929 war Kurt im St. Vinzenz-Hospital in Köln-Nippes geboren worden
und eine knappe Woche später in der nahegelegenen Lutherkirche getauft.
Gegenüber der Lutherkirche, in der Merheimer Straße 111, hatten die Eltern ein
Lebensmittelgeschäft betrieben, spezialisiert auf Milch, Butter, Eier und Käse. Beide
Großväter waren bei der Deutschen Reichsbahn.
Die Familie
Oma Henriette („Jettchen“) und Opa Heinrich waren die Eltern von KuMüs Vater, die
ihren Ursprung in der heutigen Gemeinde Windeck hatten. Als einziges Enkelkind der
Großeltern Müller wurde Kurt von diesen nach Strich und Faden verwöhnt. Weitere
Verwöhn- und Streicheleinheiten kamen von den beiden Schwestern von KuMüs
Vater, Tante Martha und Tante Eugenie.
Die Eltern
Vater Heinrich Müller und Mutter Elfriede, geborene Blank, heirateten mit 23 Jahren
und waren 24 Jahre alt, als klein Kurt auf die Welt kam. Die Mutter war gelernte
Stenotypistin, der Vater gelernter Kaufmann. Kurt blieb das einzige Kind.
Nach dem Krieg war KuMüs Vater Mitbegründer der Windecker FDP. Im Amts- und
Gemeinderat von Dattenfeld, der auch für Schladern zuständig war, setzte er sich für
viele Menschen mit deren Problemen ein. In Schladern zeigten sich damals mit Erich
Mende und Willi Weyer auch bundes- und landespolitische Größen. Außerdem
schrieb Vater Heinrich im lokalen Teil der Oberbergischen Volkszeitung Berichte über
Ereignisse an der „oberen Sieg“.
KuMü schrieb: „Diese Berichte waren gezeichnet mit dem Kürzel ´heimü´. Daraus ist
dann später mein Spitznamen ´KuMü ´ entstanden. Er war, ist und bleibt wohl mein
Markenzeichen weit über die Grenzen meines engeren Wohnbereiches hinaus.“
Sein Sohn Klaus ist in Schladern übrigens eher unter dem Kürzel „KlauMü“ bekannt.
Vater Heinrich Müller verstarb 1954 im Alter von erst 49 Jahren. Mutter Elfriede
kehrte in ihren erlernten Beruf als Bürofrau zurück und hatte bis zu ihrem Ruhestand
eine gute Stellung bei Elmores. In zweiter Ehe heiratete sie Karl Hoffmann. Elfriede
verstarb 1992.
Schulzeit und Berufseinstieg
1935 wurde Kurt in die evangelische Volksschule Steinbergerstraße in Nippes
eingeschult, gute Zeugnisse führten 1939 zur Umschulung auf eine Mittelschule.
Der Krieg war erst wenige Tage alt, als ein deutsches U-Boot in der großen Bucht
Scapa Flow bei den Orkney-Inseln das englische Schlachtschiff „Royal Oak“,
welches dort als ein Teil der britischen Marine vor Anker lag, unter Führung von
Kapitänleutnant Günther Prien versenkte. Der jüngste Bruder von Kurts Mutter, Hans
Blank, war als Funkmaat auf diesem U-Boot und hatte einen erheblichen Anteil am
Gelingen der Operation. Auf Vermittlung von Kurt war Onkel Hans zu einem Vortrag
in der Schule. Die Begeisterung bei Kurt und seinen Mitschülern war groß.
Im Dezember 1939 wurde Kurt ins Jungvolk, einer Unterorganisation der
Hitlerjugend, aufgenommen. Samstag- und manchmal auch mittwochnachmittags
marschierten er und andere „Pimpfe“ in den Kölner Grüngürtel, vergnügten sich dort
mit Spielen und tagten in dem von der Stadt zur Verfügung gestellten Fort X.
Kurts Schulzeit ging 1943 nach acht Jahren zu Ende. Er bekam eine Anstellung als
technischer Junghelfer bei der Reichsbahn in Köln. Am 1.4.43 war Dienstantritt bei
der Bahnmeisterei in Köln-Gereon.
Kriegsjahre
1941 und 1942 erlebte Köln die ersten schrecklichen Großangriffe britischer Bomber.
Wie viele „Pimpfe“ musste auch Kurt Schutt und Trümmer beseitigen, bei hohen
Minustemperaturen Gleise und Kreuzungen der Straßenbahnen von Eis freihalten,
sogar Tote bergen. Bei einem Großangriff am 8.7.43 wurde Kurts Haus in der Krefelder Straße durch
Spreng- und Brandbomben zerstört.
KuMü schrieb: „Mit der zerstörten Wohnung hat meine Mutter sich abgefunden, den
Verlust ihres Eingemachten konnte sie jedoch nicht verwinden.“
Glücklicherweise war die Familie nur wenige Tage zuvor zu Tante Eugenie, der
älteren Schwester des Vaters, und Onkel Heinz nach Köln-Thielenbruch umgezogen.
Aus dem „vorübergehenden“ Umzug wurden zwei Jahre.
KuMü schrieb: „Unser neues Zuhause in Thielenbruch war in jeder Beziehung ein
Paradies. Auf einem 12.000 m² großen Grundstück hatte Onkel Heinz kurz vor
Beginn des Krieges eine Villa gekauft. Die Gesamtwohnfläche schätze ich auf 400
m². Meine Eltern hatten ein großes Schlafzimmer mit Vorraum im Dachgeschoss und
ich hatte nach vorne raus ein Zimmer mit kleinem Balkon.“
Als 15-jähriger wurde Kurt am 1. September 1944 zum Sonder-Kriegseinsatz der
Hitler-Jugend für den Baueinsatz-Westwall notdienstverpflichtet. Spaten, Axt und
Schaufeln waren mitzubringen. In Eisenbahnwaggons ging es vom Kölner
Westbahnhof in Richtung Belgien in das Grenzdorf Rötgen. Aufgabe war der Bau
von Panzergräben, die allerdings nicht im Geringsten den heranrollenden
amerikanischen Sherman-Panzern Widerstand bieten konnten. Die Front rückte
immer näher heran.
Der Rückzug begann. Kurt hatte es inzwischen zum „Fähnleinführer“ gebracht. Auf
ihrem Weg zum Rhein zogen er und seine Kameraden über Nideggen, Kreuzau bei
Düren, Kessenich und Rheinbach. Auch weiterhin wurde das Buddeln von
Schützenlöchern befohlen, aber mehr noch war man damit beschäftigt, sich zu
versorgen: tägliche Nahrung, Bekleidung, Decken. Bei Bad Godesberg gelangten sie
mit der letzten Fähre über den Rhein, zogen ihren Leiterwagen mit Gerät und
Lebensmitteln über eine Straße am Petersberg vorbei nach Ittenbach. Ein
hochdekorierter Major, den sie unterwegs trafen, hatte ein Einsehen und stellte ihnen
für ihren weiteren Weg bis Uckerath zwei LKWs zur Verfügung, von dort ging es
wieder zu Fuß weiter.
In Schladern angekommen
KuMü schrieb: „Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass Schladern für mich und
meine Familie einmal Heimat und die „Gaststätte Müller“ meine Stammkneipe
werden würde, dem hätte ich Jeckheit unterstellt“.
Froh, im Frühjahr 1945 in Schladern angekommen zu sein, wurde Kurts „Fähnlein“
nach seiner Ankunft aus dem Krieg in die evangelische Schule zur Einquartierung
verwiesen, Kurt selbst in den Gasthof Müller.
Wieder bekamen sie den Auftrag, Schützenlöcher zu graben, diesmal entlang des
Waldes, dem heutigen „Sprietchen“. Zudem mussten Lebensmittel organisiert
werden. Dabei halfen Handwagen aus der ansässigen Handwagenfabrik Langen.
Schon nach kurzer Zeit wechselte Kurt sein Quartier und zog mit zwei Kameraden
ins Haus von Grete Weininger (in der Nachtigallengasse 5).
Da die Front (und mit ihr die Amerikaner) immer näher kam, erhielten sie den Befehl
weiterzuziehen. Als sie ihre Verpflegung für den weiteren Weg empfingen, wurde
gleichzeitig in Schladern die Eisenbahnbrücke und die Maueler Fußgängerbrücke
völlig sinnlos von Fanatikern gesprengt. Vier Tage lang war ein Tanzsaal in
Halscheid ihr Quartier, dann zogen sie weiter durch das Oberbergische Land bis zur
Agger-Talsperre. Hier traf Kurt auf seinen Vater, dessen Luftnachrichteneinheit
hierher abkommandiert war, um die Staumauer der Talsperre zu sichern. Heinrich
Müller sicherte die Staumauer sehr persönlich und mit der Pistole in der Hand, aber
nicht gegen den Feind, sondern gegenüber fanatischen Parteibonzen, die die
Sprengkammer der Staumauer mit eindeutiger Absicht betreten wollten.
Bei Altena in Westfalen endete Kurts achtmonatiges Westwall-Unternehmen. Der
Ruhrkessel wurde immer enger.
KuMü schrieb: „Die Kettengeräusche von Sherman-Panzern wiesen auch uns darauf
hin, dass es so weit war. An einer Straßenkreuzung wurden alle Handfeuerwaffen
und auch wir eingesammelt.“
Die Gefangenschaft bei den Amerikanern war für Kurt nur von kurzer Dauer. Nur eine
Nacht verbrachten die 15 „Eingesammelten“ auf einer großen Weide, die zur Straße
hin von einem Bauernhof mit Mühle begrenzt war. Wegen Bauchschmerzen meldete
sich Kurt bei einem Wachposten, ein netter schwarzer GI brachte ihn zur
Sanitätsstube und schenkte ihm dazu noch Kaugummi und Schokolade. Nach der
ärztlichen Versorgung entwischte Kurt über das Mühlrad auf die Straße und lief dort
dem GI wieder in die Arme. Der grinste nur und rief: „Go!“.
Nach einigen Kilometern über die Felder, übernachtete er in einer Feldscheune, vor
deren Tor am nächsten Morgen die Bäuerin stand. Sie stattete ihn mit einer alten
Jacke, einem Butterbrot und einer Landkarte aus, damit er wüsste, wo er war und wo
er hinmusste. Nach einem drei Tage dauernden Fußmarsch erreichte er nach 65
Kilometern über Waldbröl und Rommen letztendlich Mittel – und traf dort am
nächsten Tag seinen Vater wieder, der mit Pferd und Wagen aus seiner
Gefangenschaft zurückkam. Vorübergehend wohnte Kurt dort mit seinen Eltern im
Haus einer Verwandten.
Erste Nachkriegszeit und Berufsausbildung
Von Mitte 1945 bis Mai 1947 nahm der Landwirt Robert Barth Kurt als
landwirtschaftlichen Helfer auf seinem Hof in Helzen und damit auch in seine Familie
auf. Dennoch war es Kurts Ziel, einen Studienplatz auf der Staatsbauschule in Köln
zu bekommen. Einen Studienplatz bekam er dort nicht, aber einen gut gemeinten
Rat: „Wir empfehlen Ihnen, Ihre praxisbezogene Ausbildung bei der Reichsbahn
durch eine Maurer- oder Zimmererlehre zu vervollständigen.“
Im Bauunternehmen Eduard Überholz in Rosbach begann Kurt daraufhin eine
Maurerlehre, nannte sich Umschüler mit auf zwei Jahre verkürzter Lehrzeit. Vom
Bauernhof der Barths zog er in die Wohnung seiner Eltern, die mittlerweile in
Schladern lebten. Im selben Jahr (1947) trat Kurt in den Gesangsverein Germania
ein, wo sein späterer Schwiegervater Karl Kraemer zu dieser Zeit 1. Vorsitzender
war.
Am 8. Juni 1949 bestand Kurt seine Gesellenprüfung, den Praxisteil mit „gut“, den
theoretischen Teil mit „fast gut“. Den praktischen Teil erledigte er an der
Bruchsteingiebelwand des damaligen Sandmann- und späteren Hofheinz-Hauses
(heute Höffer/Käsberg), dem einzigen Haus in Schladern, das durch Bomben zerstört
worden war.
Vom Zeitpunkt seiner Gesellenprüfung an bis zu seiner Meisterprüfung war Kurt in
mehreren Betrieben tätig. Einer dieser Betriebe war das Bauunternehmen Bauwens
in Köln. Drei Brüder besaßen dieses private Unternehmen. Einer von ihnen war der
damals sehr bekannte Fußballschiedsrichter Peco Bauwens, ein zweiter dessen
Bruder Camillo, während des Krieges Oberst bei der Wehrmacht.
KuMü schrieb: „Camillo Bauwens traf ich auf der Neubaustelle der Sportschule
Hennef. Er sprach jeden an. Seine erste Frage lautete: ´Soldat gewesen?´ Mich hat
er auch gefragt, und ich habe – auf Anraten der Kollegen – mit ´ja´ geantwortet.
Daraufhin bot er mir eine Zigarette an und sagte: ´Weiter so!´ “
Zur Ablegung der Meisterprüfung musste Kurt fünf Jahre lang Geselle sein. Um diese
Zeitspanne zu nutzen, begann er 1951 mit einem drei Jahre dauernden Meisterkurs.
Seine vormaligen Studienpläne hatte er mittlerweile aufgegeben. Der Meisterkursus
fand samstags in der Gewerbeschule Siegburg statt. 1954 meldete er sich bei der
Handwerkskammer Köln als Prüfling an. Mit seiner Planungsarbeit (komplette
Planung und statische Berechnung eines Hauses) und den Ergebnissen in den
anderen Prüfungsfächern erreichte Kurt das zweitbeste Ergebnis seines
Meisterlehrgangs, Grund genug für seinen Vater, am Tag der Ergebnisbekanntgabe
abends bei der Chorprobe des gemeinsamen Männerchores alle frohen Sänger
freizuhalten.
Else
Inzwischen hatte Kurt 1952 Else Kraemer geheiratet. Else war elf Jahre älter als er
und die Tochter von Karl Kraemer, der in der Siegstraße (heute Elmoresstraße) ein
Möbellager besaß. Dieses Möbellager sollte Bedeutung erlangen. Willi Welter
organisierte einen anspruchsvollen Familienabend der „Germania“. Eine Gruppe von
Männern und Frauen aus Männer- und neu gegründetem Frauenchor sollte Tänze in
Kostümen der Jahrhundertwende vorführen. Geprobt wurde im Möbellager. Als
Tanzpartnerin wurde Kurt, der zuerst dem Tanzen nicht viel abgewinnen konnte, Else
Kraemer zugewiesen, die ihm in Separatstunden alle Tänze vermitteln sollte.
KuMü schrieb: „Else beherrschte die Tänze. Sie war elf Jahre älter als ich und hatte
schon Tanzunterricht gehabt, als ich in die Schule gekommen war. Der
Familienabend war ein Erfolg und die Nacht der Beginn einer großen Liebe.“

Else und Kurt Müller

Nach der Trauung in der Evangelischen Kirche in Schladern: v. li: Karl Kraemer,
(Vater von Else), Elisabeth Blank /Mutter von Elfriede, Elfriede Müller mit Mann
Heinrich (Eltern von Kurt)
Rechts hinter Elisabeth Blank: Luise Kraemer, daneben-Paul Schuhen mit Brille, der
spätere Schwiegervater von Karl Wienand.

Nach der Heirat bezogen beide eine gemeinsame, aber auch beengte Wohnung im
Haus der Schwiegereltern in der Elmoresstraße. Ein paar Monate später kam Klaus
auf die Welt, weitere zwei Jahre darauf Tochter Karin.

Das erste Kind, Klaus, reitet auf Papas Schultern. Die stolzen Großväter, Heinrich
Müller (links) und Karl Krämer (rechts) passen auf.
Dort im Haus, wo ehemals das Ladenlokal des Geschäfts Kraemer war, hatten
mittlerweile die Gebrüder Baldus, Evakuierte aus Duisburg, Einzug gehalten und
betrieben einen Damen- und Herrenfriseursalon.

Minna Kraemer im Laden in der Siegstrasse, etwa in den 40er Jahren

Das Wohn- und Geschäftshaus Kraemer in der Siegstraße (Elmoresstraße) in den
1920er Jahren
Berufswechsel
Während eines Besuchs bei Elses Verwandten in Düsseldorf lernte Kurt einen ihn
beeindruckenden Mann kennen. Werner Sieg hatte als Vertriebener sein Saatgut auf
einer pommerschen Insel aufgeben müssen und war nun in der Geschäftsführung
der Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation (GFK) tätig. „Willst du nicht
bei uns anfangen?“, fragte ihn dieser und unterbreitete ihm das Angebot, in einer als
Ableger der GFK geplanten Baugesellschaft als selbstständiger Bauleiter
mitzuarbeiten. Deutsche Gesellschaft für Landentwicklung“ hieß die Gesellschaft, bei der Kurt nun
nach reiflicher Überlegung einen neuen, seinem erlernten Beruf entsprechenden
Arbeitsplatz gefunden hatte. Er arbeitete als Bauleiter und betreute Baumaßnahmen
von der Planung bis zur Abrechnung. Die Grundlage seiner Arbeit, wie das seines
Arbeitgebers überhaupt, war das politische Ziel, landwirtschaftliche Betriebe im
Rahmen von Flurbereinigungsverfahren aus den Dorfzentren auszusiedeln,
sogenannte Aussiedlerhöfe. Jahrelang war Kurt auf Baustellen quer durch
Deutschland, hauptsächlich in Süddeutschland, unterwegs.
Großfamilie und neues Haus
Dann war Else zum dritten Mal „guter Hoffnung“. Nicht diese Tatsache bereitete
Sorgen, sondern die zu erwartende noch größere Enge in der Wohnung im Kraemer-
Haus an der Elmoresstraße. Die „gute Hoffnung“ hatte es in sich. Im Dezember 1958
kamen unerwartete Zwillinge zur Welt, Christa und Eva. Die Frage nach einer
schnellen Veränderung bei den Wohnverhältnissen stellte sich drängender denn je.
Ab 1960 hatte Kurt sein Büro wieder in der Geschäftsstelle Köln. Ein neues Gefühl,
nach Jahren wieder jeden Abend zu Hause zu sein. Seine Baustellen lagen zum Teil
„vor der Haustür“. 1960 war auch ein Wahljahr. Die Kommunalparlamente wurden
neu gewählt, und es ging nun um die Kandidatenaufstellung. Schladern gehörte
damals noch zur Gemeinde Dattenfeld. Der Ortsvereinsvorsitzende der SPD,
Heinrich Röhrig aus Dreisel, hatte sich auf den Schladerner Karl Wienand festgelegt,
zu dieser Zeit amtierender Gemeindedirektor der Gemeinde Rosbach und
Bundestagsabgeordneter. Doch die Parteibasis wollte einen Kandidaten, der durch
seine Aktivitäten in den Schladerner Vereinen sein „Ohr am Volk“ hatte und sich den
Problemen im Ort und in der Gemeinde mit ganzer Kraft stellen konnte. Kurt wurde
als Kandidat aufgestellt und bekam bei der Wahl sechs Stimmen mehr als seine
Gegenkandidaten der anderen Parteien zusammen.
KuMü schrieb: „Unsere häuslichen Probleme wurden durch die Enge des
verfügbaren Wohnraums immer größer. Else hatte große Schwierigkeiten, den
Haushalt in Ordnung zu halten, und dabei den Kindern einen Mindestfreiraum zu
schaffen.“
Durch seinen Bekannten Herbert Röhrig, Betriebsleiter bei Elmores, (Vater von
Journalist Harald Röhrig) der einen Neubau am Rande eines Waldstücks „Auf der
Teichhardt“ begonnen hatte, wurde Kurt darauf hingewiesen, dass dort noch freie
Grundstücke angeboten würden. Mit der Eigentümerin des Grundstücks, Sophia
Poppel aus der Dynastie des Bauunternehmens Poppel, einigte sich Kurt auf eine
monatliche Ratenzahlung. Im Februar 1963 wurde der Bauantrag gestellt, im Juli
1964 feierte man Richtfest und im Juni 1965 wurde das neue Haus bezogen.
Schwiegervater Karl bekam ein schönes Zimmer mit Ausgang zum Garten.
„Vereinsmeier“ und Politiker
Familie, Beruf, Eigenheimbau, Kommunalpolitik – doch das war für Kurt anscheinend
noch nicht genug an Beanspruchung. Von 1961 bis 1967 war er Vorsitzender bzw.
Vorstandsmitglied beim TTC Grün-Weiß, ab 1964 Vorsitzender des Gesangvereins.
Kumü schrieb: „„Partei und Gemeinderat dazu genommen, war ich ein großer
Vereinsmeier und ein Familienvater auf Sparflamme. Nach meinen damaligen
Vorstellungen gehörten Vereins-, Partei- und kommunalpolitische Arbeiten
zusammen. Es war der Spaß am Diskutieren, das Bedürfnis, für und in der
Öffentlichkeit zu wirken, aber auch eine gewisse Portion Eitelkeit.“
1964 war wieder Wahljahr in NRW. Es war die Wahlperiode der kommunalen
Neuordnung. Es ging um die Zusammenlegung von Städten, Gemeinden und
Kreisen zu neuen Verwaltungsstrukturen. Mit vielen Widerständen war zu rechnen.
Kurt kandidierte wieder für den Gemeinderat und erhoffte sich auch einen Sitz im
neuen Kreistag. Beides gelang.
Von nun an erhöhte sich die Anzahl seiner diversen Ehrenämter - deren Auflistung
an dieser Stelle zu weit führen würde - immens, genauso wie eine Auflistung seiner
sich steigernden Anzahl von Bekanntschaften, die sich schon damals und erst recht
in den folgenden Jahren bis in die hohe landes- und bundespolitische Prominenz
erstreckte, und für Kurt im Laufe der Jahre über Parteigrenzen hinweg in manchen
Fällen nützlich war.
1969 war das Jahr der kommunalen Neuordnung. In der Übergangszeit vom In-Kraft-
Treten des Gesetzes zur kommunalen Neugliederung am 1. Juli und den
Kommunalwahlen am 9. November wurden die bestehenden Kommunalparlamente
aufgelöst und durch Beratungsgremien ersetzt. Kurt war von Oberkreisdirektor Kieras
als kommissarischer Bürgermeister vorgesehen, doch dazu kam es nicht. Karl
Wienand hatte auf Kieras eingewirkt, seinen Bruder Adolf mit dieser Aufgabe zu
betrauen und damit auch ein Präjudiz für die kommende Windecker
Bürgermeisterwahl zu schaffen. Auch wenn viele Genossen ihn ermunterten, trotz
„Wienands“ für das Amt zu kandidieren, erschien dies für Kurt nicht ratsam und er
verzichtete. Grund: Ende März kam ein Anruf von Karl Wienand und dieser eröffnete
das Gespräch mit: „Kurt, ich brauche dich in Bonn!“
KuMü schrieb: „Er machte mir das Angebot, für ihn als persönlicher Referent zu
arbeiten. Meine Überraschung war groß. Ich war hin und her gerissen und bat um
Bedenkzeit, die er auf höchstens zwei Tage begrenzte. Mein Einwand, dass ich bei
meiner Siedlungsgesellschaft eine halbjährige vertragliche Kündigungsfrist habe,
zerstreute er mit dem Hinweis, dass würde er über unseren Landwirtschaftsminister
Diether Denecke regeln.“
Zusammen mit Else wog er das Für und Wider ab, und entschied sich für seinen
neuen Beruf als Referent beim Bundestagsabgeordneten und parlamentarischen
Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Wienand, im Bonner
Bundeshaus.
Da sie in unmittelbarer Nachbarschaft wohnten, fuhren Karl Wienand und Kurt nun
täglich gemeinsam ins Bonner Büro.
KuMü schrieb: „In unserem Büro ging´s rein und raus. Karl hatte d i e dominierende
Stellung in der Fraktion. Er saß in den wichtigsten Gremien und war der
Verbindungsmann zum Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner. Ehe sie zu „Onkel
Herbert“ gingen, trugen viele Abgeordnete, auch Mitglieder des Kabinetts, Karl ihre
Probleme vor. Karl fuhr mit Herbert Wehner zu fast allen Kabinettsitzungen.
Manchmal verweilte er bis in die Nacht hinein mit anderen aus dem Kabinett, der
Fraktion oder der FDP in Willi Brandts Haus auf dem Venusberg. Wir, die Referenten
und Fahrer, trieben uns im Garten oder in der Diele rum oder versuchten, dem
Kanzlerhund – einem Basset – Kunststückchen beizubringen. Ich habe einige Male,
wenn es besonders spät wurde, gemeinsam mit Ruth Brandt Schnittchen zubereitet
und Kaffee gekocht.“
Karl Wienand war der Vermittler zwischen Herbert Wehner, Willy Brandt und Helmut
Schmidt.
KuMü schrieb: „Sie hatten ein gespanntes Verhältnis. Herbert Wehner, der den
Karren zog, Willy Brandt, der Schöngeist und Visionär, und Helmut Schmidt, der
Ökonom und intellektuelle Politiker. Sie verhielten sich untereinander manchmal so,
als wären sie drei konkurrierende Jungfrauen. Karl musste immer wieder Wege
suchen, damit sie miteinander sprachen.“
1969 verzichtete Kurt auf eine erneute Kandidatur für den Kreistag, kandidierte aber
für die Wahl zum Gemeinderat. Unvorhergesehenes geschah: Sein Gegenkandidat
von der CDU, Rolf Höffer aus Schladern, setzte sich gegen ihn durch und gewann.
Kurt war also nicht mehr direkt gewählt. Die Enttäuschung saß tief, und er trat infolge
auch nicht mehr zur Wiederwahl zum 1. Vorsitzenden des Gesangsvereins an. Und
auf einen guten Solisten mit einer hervorragenden Bassbariton-Stimme musste der
Männerchor von nun an auch verzichten. Dies fiel ihm nicht leicht, denn heute noch
schwärmt er von einem tollen Vereinsleben, dem großen Germania-Elmores-
Sängerfest von 1961 im Festzelt auf dem „Alten Tennisplatz“ mit Festwirt
Bredenbrock und dem Konzertauftritt des schwarzen US-Amerikaners Kenneth
Spencer in Dattenfeld. Entsetzt war Kurt allerdings, dass man Spencers weißen
Mercedes mit einem Nagel zerkratzte, während dieser im „Bergischen Hof“
übernachtete.
Jahrelang tummelte Kurt sich nun im Zentrum der bundesdeutschen Politik, erlebte
hautnah Momente und politische Persönlichkeiten, die die Geschichte der BRD
nachdrücklich beeinflussten, aber auch ganz private Situationen, vornehmlich mit
Herbert Wehner.
Einmal bat Wehner Kurt darum, sein Haus auf dem Venusberg als Architekt und
Bauleiter um einen Anbau zu erweitern. „Oberbauleiter“ war aber Greta, Wehners
vormalige Stieftochter und jetzige Ehefrau. Die beteiligten Handwerksbetriebe
„rekrutierte“ Kurt in Schladern (Malerbetrieb Kaesberg, Elektro Schröder,
Bauunternehmer Kramer u.a.). Beim ersten Planungsgespräch sagte Wehner
plötzlich in seiner typisch unwirschen Art: „Das Ding da hinten kannst du mit nach
Hause nehmen. Ich will es hier nicht mehr sehen.“ Das „Ding“ war ein zwischen den
Sträuchern eingebuddelter 300 Watt starker Scheinwerfer, der zur Alarmanlage
gehörte.
Kurt und Karl Wienand besuchten Wehner auch in seinem Haus auf der
schwedischen Insel Oeland und wohnten dort im angebauten Häuschen von Greta.
Einmal waren die Beiden nicht die einzigen Gäste. König Karl Gustaf von Schweden
kam zu Besuch und alle versammelten sich zu einem Quätschchen im
„Familienzimmer“ im Keller.
Das Leben zu Hause verändert sich
Mitte Dezember 1970 klagte Else über Kopfschmerzen und Schwindel. Es folgten
dramatische Tage. Diverse Krankenhaus- bzw. Klinikaufenthalte für Else, berufliche
Termine und Besuche am Krankenbett für Kurt. Am 7.1.71 starb Else an den Folgen
zweier Gehirntumore in der Uni-Klinik in Köln.
KuMü schrieb: „Wir, die Kinder und ich, standen vor einem großen, tiefen Loch. Es
kam jetzt darauf an, die Familie zusammenzuhalten.“
Kurt war jetzt allein mit seinen vier Kindern und seinem Schwiegervater im erst vor
gar nicht so langer Zeit neu gebauten Haus. Seine Mutter half, ebenso seine Nichte
Margret. Seine größte Stütze war seine älteste Tochter Karin.
KuMü schrieb: „Wenn ich die Familie auf Dauer zusammenhalten wollte, musste
etwas geschehen. Nur, wie sollte das gehen?“
Kurz vor Karneval 1972 setzte Kurt eine „Heiratsanzeige“ in den Kölner
Stadtanzeiger. Eine der Antworten kam von einer gewissen Anneliese Reitmeier,
einer verwitweten Mutter von zwei jungen Mädchen. Telefonate, erstes Treffen,
Sympathie. Bereits am 17. März kauften sie sich in Köln Verlobungsringe und
verlobten sich in einem Steakhaus am Neumarkt. Die Aufnahme bei den zukünftigen
Schwiegereltern verlief überaus herzlich, und auch der erste Besuch von Anneliese
und ihren Töchtern Astrid und Birgit im Haus in Schladern war gelungen.
KuMü schrieb: „Spannung auf beiden Seiten, Entspannung, nachdem sich alle
begrüßt und umgesehen hatten. Die Zwillinge zogen mit Astrid und Birgit in ihre
Zimmer. Karin als Hausfrau ließ vor Aufregung zweimal Wasser ohne Kaffeemehl
durch die Maschine laufen. Es war der Beginn einer neuen, glücklichen Familie.“ Am
26. April wurde im Rosbacher Rathaus standesamtlich Hochzeit gefeiert – später
ging Kurt noch zu einer Gemeinderatssitzung.
Anlässlich seiner Hochzeit spendierte Kurt am nächsten Tag an seinem Arbeitsplatz
beim Büro von Karl Wienand ein Fässchen Kölsch. Doch nicht nur aus diesem
Anlass wurde daraus eine stimmungsvolle Party. Am gleichen Tag, dem 27. April
1972, scheiterte im Deutschen Bundestag das Misstrauensvotum der CDU/CSU
gegen Bundeskanzler Willy Brandt, Rainer Barzel erhielt nicht die notwendige
Stimmenzahl, um Brandt abzulösen. Mindestens zwei Abgeordnete der Union hatten
gegen Barzel gestimmt.
KuMü schrieb: „Von Bestechung war die Rede. Diese sollte von Karl Wienand initiiert
worden sein.“
Die Gescheiterten vermuteten eine bereits im Voraus geplante Siegesparty, dabei
war es nichts anderes als ein „kleiner“ Umtrunk anlässlich einer Hochzeit. Dass
dieser wegen des gescheiterten Votums heftiger ausfiel… Wer konnte das der SPD
verhehlen?
Am 31. August wurde in der St. Elisabeth Kirche - „in aller Stille“ - auch kirchlich
geheiratet. Nur die neue, große Familie saß zusammengepfercht in der ersten Reihe,
alle anderen Bänke waren leer. Der Geheimhaltungscoup war gelungen. Selbst
Wolfgang Bredenbrock vom „Bergischen Hof“, den man überredet hatte, am Ruhetag
zu öffnen, war bereit, für die kleine Hochzeitsgesellschaft ein Abendessen zu kochen.
Ihm hatte Kurt erzählt, dass die Schwiegermutter ihren 75. Geburtstag feiern wollte.
Ein politischer Lebensabschnitt endet
Im September 1972 stellte Willy Brandt die Vertrauensfrage, bekam nicht die
erforderliche Kanzlermehrheit und bat daraufhin den Bundespräsidenten um die
Auflösung des Bundestages und die Ausschreibung von Neuwahlen. Das
Wahlergebnis für die SPD wurde hervorragend, sie stellte die stärkste Fraktion, Willy
Brandt wurde erneut Bundeskanzler.
Doch es braute sich was zusammen. Bereits im Wahlkampf war Karl Wienand, der
im Oberbergischen Kreis für den Bundestag kandidierte, in jeder Versammlung auf
seine Rolle in der Paninternational-Affäre angesprochen worden und musste sich
verteidigen. Die Affäre um den bestochenen CDU-Abgeordneten Steiner beim
Misstrauensvotum im April und die Frage, ob und wie Wienand eventuell seine
Finger im Spiel hatte, wurden immer wieder in der Öffentlichkeit diskutiert.
Staatsanwaltliche Untersuchungen in Wienands Büro in Bonn und im Haus in
Schladern folgten. Dann der Schock: Günther Guillaume wurde Anfang Mai 1974 als
DDR-Spion enttarnt.
Kumü schrieb: „…mit dem ich ein gutes, kollegiales Verhältnis
hatte… . Wir hatten in den Fraktionssitzungen nebeneinander gesessen, ich
konnte es nicht fassen.“
Willy Brandt übernahm die Verantwortung und trat zurück, Helmut Schmidt wurde
neuer Bundeskanzler.
Anfang September teilte Herbert Wehner Kurt mit, dass Karl Wienand sein
Bundestagsmandat niederlegen und er das Büro Wienands auflösen werde. Damit
verlor Kurt zwar seinen langjährigen Arbeitsplatz, doch Wehner empfahl ihm, sich als
Referent in der Arbeitsgruppe Raumordnung, Bauwesen und Städtebau zu
bewerben. Die Bewerbung verlief erfolgreich und zum 1. April 1975 sollte er an
seinem neuen Arbeitsbereich anfangen.
Neue Wege
Nach Wienands Rückzug aus dem Bundestag versuchte dieser, Kurt das Amt des
Beigeordneten bei der Windecker Gemeindeverwaltung schmackhaft zu machen.
Nach anfänglichen Bedenken Kurts und Wienands Rücksprachen mit dem
Oberkreisdirektor sowie dem amtierenden Gemeindedirektor von Windeck, Erich
Krämer, bewarb sich Kurt dann doch auf die ausgeschriebene Beigeordneten-Stelle,
nicht ohne zuvor sein Mandat als Gemeinderatsmitglied niedergelegt zu haben.
KuMü schrieb: „Es ging darum, nicht den Anschein zu erwecken, als wollte ich als
Mitglied der SPD-Fraktion die Entscheidung meiner Kollegen im Gemeinderat
beeinflussen.“
Eine klare Mehrheit für Kurts Wahl zeichnete sich ab. Es kam anders. Einflussreiche
Genossen aus der SPD-Fraktion wandten sich von Kurt ab. Als am 27. Januar 1975
in der Aula der Hauptschule in Rosbach die Wahl durchgeführt werden sollte,
beantragte die CDU, die Beigeordnetenwahl von der Tagesordnung zu setzen.
Einige Mitglieder der SPD-Fraktion stimmten mit der CDU und die Wahl war vom
Tisch. Eines der Argumente der Abtrünnigen: „Kurt Müller hat einen Job in Bonn. Da
soll er beruflich arbeiten und sich ehrenamtlich in Windeck betätigen. Wir können ihn
weder in der Fraktion noch als Parteivorsitzenden missen.“ Als Folge trat wenige
Tage später der gesamte Vorstand des SPD-Ortsvereins Windeck zurück, d. h. auch
Kurt stand als 1. Vorsitzender nicht mehr zur Verfügung.
KuMü schrieb: „Das war das vorläufige Ende meiner aktiven Kommunalpolitik,
verbunden mit dem neuen Lebensgefühl, Zeit zu haben. Wenn ich von Bonn nach
Hause kam, war Feierabend.“
Schon einen Tag nach dem Votum gegen ihn übernahm Kurt in Bonn einen noch
lukrativeren Posten, der bis zu der Entscheidung des Gemeinderates für ihn
freigehalten worden war: Er wurde Leiter des Referats für Raumordnung, Bauwesen
und Städtebau – und blieb dies bis 1989.
Kommunalpolitisches Comeback
1984 bereitete Kurt sein kommunalpolitisches Comeback vor. Nach der
Legislaturperiode von 1964 bis 1969 kandidierte er wieder für den Kreistag und zog
über die Reserveliste auch in diesen ein. Direkt gewählt wurde sein CDU-
Gegenkandidat Jürgen Seidel, damaliger Rektor der Realschule in Herchen.
Die Arbeit im Kreistag stellte sich für Kurt nicht so problemfrei dar wie seine erste
Legislaturperiode. Zentrale Themen damals waren die Müllentsorgung, der Bau der
ICE-Strecke Köln–Frankfurt und der Verkehrsverbund Rhein-Sieg.
Mitte 1989 machte Karl Wienand, der mittlerweile Vorsitzender des SPD-Ortsvereins
war, Kurt das Angebot, einige Stunden wöchentlich bei ihm zu arbeiten.
KuMü schrieb. „Aus den Stunden wurden dann die Vormittage von Montag bis
Freitag. Ich ging morgens um 9 Uhr rüber und kam mittags gegen 12 Uhr nach
Hause.“
Ihn und dem damaligen Pateigenossen und amtierenden Beigeordneten der
Gemeinde Windeck, Hans Marx, betraute er mit der Aufgabe, den anstehenden
nächsten Kommunalwahlkampf 1989 zu organisieren. Unvergessen während dieses
Wahlkampfs blieb die Verteilung von 7.500 Kochbüchlein mit dem Titel „Man nehme“
mit Rezepten aus dem Bergischen Land, Sprüchen, Anekdoten, Tipps und Tricks für
sparsames Haushalten. Es wurde von den Bürgern an den Haustüren oder Info-
Ständen mit Begeisterung angenommen, genauso wie die kleine Tragetasche mit
zwei frischen Brötchen und der Parteizeitung „ZAS“ (Zeitung am Sonntag) am
Wahlsonntag. Der Wahlausgang war für die SPD überwältigend: absolute Mehrheit.
Nicht nur das: Kurt wurde direkt gewählt und setzte sich damit diesmal gegen Jürgen
Seidel durch.
Im Rahmen der konstituierenden Sitzung des neuen Kreistags am 19.9.1989 wurde
Kurt zum Vizelandrat und damit zum 1. Stellvertreter von Landrat Dr. Franz Möller,
CDU, gewählt.
KuMü schrieb: „Die Wahl war für mich ´die Erfüllung´, nach über dreißig Jahren
Kommunalpolitik in den nächsten fünf Jahren Vizelandrat des Rhein-Sieg-Kreis zu
sein.“
Sein Aufgabenbereich war nun vorzugsweise repräsentativer Natur: Gratulationen zu
diamantenen Hochzeiten und zu Geburtstagen ab 100 Jahre, die Überreichung von
Verdienstkreuzen, Vereinsjubiläen, Ausstellungseröffnungen und Repräsentation des
Kreises auf Landesebene oder in anderen Städten und Kreisen usw. Ein
„Arbeitsfeld“, auf dem sich Kurt sehr wohlfühlte.
Doch Kurt verteilte nicht nur Verdienstorden, er empfing auch einen. Im November
1992 erhielt er bei einem Festakt in der Rotunde des „Hotel Petersberg“ von
Ministerpräsident Johannes Rau den Verdienstorden des Landes Nordrhein-
Westfalen. Unter den neuen Ordensträgern befanden sich auch der SPD-Politiker
Hans-Jürgen Wischnewski, der Komponist Karl-Heinz Stockhausen und der
Schriftsteller Ralph Giordano (u.a.).
KuMü schrieb: „Dieser Landesorden hat besondere Bedeutung, weil es jeweils nur
bis zu 3000 Ordensträger geben sollte. Böse Zungen behaupten, nur ältere
Menschen bekämen den Orden, damit durch altersbedingte Fluktuation die Zahl
3000 nicht überschritten werde.“
Nachdem ein Jahr nach der Bundestagswahl im Dezember 1990 Landrat Möller zum
Justiziar der CDU-Bundestagsfraktion gewählt worden war, musste Kurt nun auch
viele von dessen Terminen übernehmen. Liest man die Zusammenstellung seiner
damaligen Termine, so muss man bezweifeln, dass er mit den üblichen 24 Stunden
eines Tages überhaupt auskam.
Trennung von der Politik
Zum Ende der Legislaturperiode war Schluss für den 1. Stellvertretenden Landrat.
Anlass für den Abschied von der politischen Bühne war auch sein 65. Geburtstag im
Januar 1994. In der Rundschau wurde er zitiert: „In fast 40 Jahren habe ich mich vom
ungeduldigen jungen zum grantigen alten Kommunalpolitiker entwickelt.“ In einem
Interview ging er nicht so selbstkritisch mit sich um: „Nachdem das 65. Lebensjahr
erreicht ist, werde ich mit Ende dieser Legislaturperiode meine aktive Arbeit in der
Kommunalpolitik beenden. Ich bin sicher, dass es für mich außer Politik noch andere
Dinge geben wird.“ Der Übergang von der aktiven Politik in den „normalen“ Alltag war kurz und
schmerzlos.
KuMü schrieb: „Die letzten Aufgaben bestanden darin, das Postfach im Fraktionsbüro
zu leeren, den Parkausweis abzugeben und dem Landratsbüro gegen Quittung einen
Hauptschlüssel des Kreishauses auszuhändigen.“
Fazit
Auf Nachfrage von uns Interviewern kam von Kurt eine ganz schnelle Aussage: „Ich
würde alles in meinem Leben noch einmal genauso machen, vielleicht manchen
einfacheren Weg gehen. Meine politischen Verbindungen haben einiges gebracht.
Manches für mich, viel für andere, die mich um Hilfe gebeten hatten.“

Einige wenige Zahlen fehlen noch: Von insgesamt sechs Kindern (vier eigenen aus
der ersten Ehe mit Else und zwei adoptierten aus seiner zweiten Ehe mit Anneliese)
hat er 13 Enkel und 14 Urenkel. KuMü sitzt in seinem Sessel – und schmunzelt.

Alle Familienfotos: Familienarchiv Müller/Kasper.
Kurt Müller gerufen war der „Gründervater“ der 1996 eröffneten hauptamtlichen
Rettungswache in Windeck-Roth. Genau ein Jahr und einen Tag nach seinem Tod
2018 lud der Ortsverein zur Umbenennung des DRK-Zentrums in „Kurt-Müller-Haus“
ein.

Witwe Anneliese enthüllt mit dem DRK-OV-Vorsitzenden Willi Meis (Brille) und
mit dem Leiter der Rettungswache Bernd Voss (Schirm) die 1,80 Meter hohe Granit-
Stele mit dem Bronzeporträt ihres verstorbenen Mannes. Foto: Schmidt

Im Jahr 2017 war Ehrenvorsitzender KuMü noch Gast zum 20. Geburtstag vom DRK-Kindergarten Zauberwald in Roth gewesen. Foto: Schmidt