Auf der Suche nach Johanne Steinhauer
Rosbach - Alte Dorfstraße - Johanne Steinhauer -1895
Von Sylvia Schmidt

Ansicht von Rosbach, aufgenommen von Johanne Steinhauer. Karte: Helmut Ronneburg
Dieser Tage erhielt ich einen ungewöhnlichen Anruf von einer Frau, die wie ich Sylvia heißt. Grund ihres Anrufs war die Suche nach der Photographin Johanna Steinhauer aus Rosbach.
Ein altes Foto aus ihrem Familienfundus, vermutlich aus den 1920er/30er Jahren, hatte ihr Interesse geweckt, denn auf der Rückseite war der Stempel einer Photographin, eben jener Johanna Steinhauer. Eine Photographin in dieser Zeit, das fand sie so ungewöhnlich, dass sie mehr über diese Frau erfahren wollte.
Sie fand unseren Verein „Windeck im Wandel“ im Netz und entschied sich, es beim dort angegebenen Kontakt, meinem Kontakt – vielleicht, weil wir den gleichen Vornamen haben – zu versuchen. Das erwies sich als richtig gute Idee, denn über Johanna, die sich später Johanne nannte, hatte ich vor vielen Jahren einen Artikel geschrieben, den wir im Jahr 2021 mit Fotografien ergänzen konnten und in unseren Windecker Heimatgeschichten veröffentlichten..
Wir Sylvias hatten ein längeres Telefonat. Wir besprachen, dass sie, Sylvia Henn, mir per Mail das Foto ihrer Großtante schicken und ihr Anliegen nochmal beschreiben sollte.
Hier folgt nun diese Mail:
Sehr geehrte Frau Schmidt,
nochmals vielen Dank für das nette Telefonat am heutigen Nachmittag!
Es hat mich sehr gefreut, endlich mehr über die Fotografin Johanna Steinhauer zu erfahren und der Artikel, den Sie über ihren Werdegang verfasst haben, hat mich sehr berührt!!!
Eine liebe (inzwischen verstorbene) Verwandte stellte mir das angehängte Foto vor einigen Jahren zur Verfügung. Da ich ihr das Original-Foto (Postkartenformat) zurückgab, besitze ich nur noch den Scan der Aufnahme, diese wurde gemäß dem Stempelaufdruck auf der Rückseite, von Johanna Steinhauer angefertigt.
Das Foto dürfte in den frühen 30iger Jahren entstanden sein, darauf zu sehen sind:


Links: Meine junge Großtante Paula Richter (geboren 1916), sie soll in Rosbach gearbeitet haben, die Art ihrer dortigen Beschäftigung ist mir leider nicht bekannt. Sie stammte aus Nisterberg und lebte später in Walterschen.
Rechts: Eine mir namentlich nicht bekannte Frau.
Vermutlich gehört sie zur Familie, in die meine Großtante einheiratete.
Die persönliche Nähe der abgelichteten Personen, der direkter Blick in die Kamera, beides eingefangen in einem Moment, der von dem Stil anderer Aufnahmen abweicht. So jedenfalls habe ich diese Fotografie immer gesehen.
Es existiert eine weitere Fotografie, in gleicher Machart, auf ihr ist nur Paula Richter zu sehen. Auch diese Aufnahme dürfte von Johanna Steinhauer angefertigt sein, allerdings befand sich rückseitig darauf nicht ihr Stempelaufdruck.
Viel mehr kann ich leider zu dieser Fotografie nicht sagen. Es ist dem glücklichen Zufall des angebrachten Stempelaufdruckes der Fotografin zu verdanken, dass man ihr die Aufnahme nach so vielen Jahren noch zuschreiben kann, während ihr Atelier in Rosbach leider durch den verheerenden Bombenhagel im Februar 1945 zerstört wurde.
Viele Grüße
Sylvia Henn
Inge Henn fragt auch: Wer kennt ihre auf dem Foto abgebildete Großtante Paula Richter, links und weiß, wo sie in Rosbach gearbeitet haben könnte? Erkennt jemand die ältere Frau rechts von ihr?
Und nun folgt der Beitrag aus unseren Windecker Heimatgeschichten über Johanne Steinhauer
Ganz Ohr - Versuch einer Annäherung
...an die gehörlose Kunstlichtbildnerin Johanne Steinhauer
von Sylvia Schmidt
Diesen Beitrag habe ich vor zwanzig Jahren für NEWS-Das Magazin geschrieben, allerdings war es mir damals nicht gelungen, ein Foto der Porträtierten aufzutreiben. Ein Manko, besonders deshalb, weil ich Johanne Steinhauer für die außerordentlichste mir bekannte Windecker Frauenpersönlichkeit halte. Dazu konnte sie werden, weil ebenso ungewöhnliche Weggefährten ihr zur Seite standen, um ihr Flügel wachsen zu lassen.
Bei der Vorbereitung zu diesem Buch reichte dann ein Gerhard Steinhauer seine Beiträge ein. Sofort kam mir die Geschichte dieser ungewöhnlichen Frau wieder ins Gedächtnis. Ich fragte nach. Ihr Name war ihm aus einer Ahnenliste bekannt, mehr aber nicht. Er begann zu recherchieren, und der Förderverein Historisches Rosbach e.V. half weiter. Das WiWa-Buchteam beschloss, diesen Beitrag ins Buch zu übernehmen, um dieses so ungewöhnliche, interessante Frauenleben zu würdigen und ihm einen lichten Platz in Windecks Gedächtnis zu geben. Der Förderverein Historisches Rosbach e.V. hat uns freundlicherweise für diesen Buch-Beitrag ein Foto der jungen Johanne Steinhauer zur Verfügung gestellt. So hat die Geschichte nun doch noch das dazugehörige Gesicht erhalten.
Man schrieb das Jahr 1895, als ein kleines Mädchen mit dunklem Haar und blauen Augen in eine grenzenlose Stille hineingeboren wurde; es war der 12. Tag des neuen Jahres. Noch ahnten Eltern und Großeltern nicht, dass das Mädchen mit dem Namen Johanna, weder sie noch irgendeinen Laut je würde hören können. Viele Jahre später würde sie über sich selbst sagen: „Ich bin ein anderer Mensch geworden!“ Sie hatte sich Flügel wachsen lassen.
Die Rosbacher Fotografin Johanna Steinhauer legte einen unvergleichlichen Weg zurück um ihre Träume zu verwirklichen. Foto: Förderverein Historisches Rosbach e. V.

Der Ort, an dem die kleine Johanne Einzug gehalten hatte, lag gleich gegenüber der evangelischen Kirche in Rosbach, ein Fachwerkanwesen mit munterem Treiben ringsherum.

Ansicht von Rosbach, aufgenommen von Johanna Steinhauer. Karte: Helmut Ronneburg
Der Großvater betrieb seine Klempner-Werkstatt, während die Großmutter mit fester Hand die Besucher ihrer Gastwirtschaft lenkte. Vater Julius und Mutter Hannchen waren geschäftstüchtige und gut betuchte Kaufleute mit einem Kolonialwarengeschäft. Es war eine kleine, sichere Welt und doch gab es allerlei Anreiz, so dass es Johanna möglich war, ihre angeborene Intelligenz zu entwickeln. Noch hatte sie keine Sprache, um sich mitzuteilen, sie war auf die Mimik der Gesichter angewiesen und las von den Lippen. Im Jahr 1901 kam die acht Jahre ältere Katherine als Haushaltshilfe in die Familie. Katherine benutzte die Sprache des Herzens samt Händen und Füßen. Johanna liebte sie innig und war begierig Katherine bei allen Arbeiten zu helfen. Sie blieben für den Rest des Lebens eng verbunden.

Der Rosbacher Kirchplatz im Winter. Foto: Johanne Steinhauer (aus Familienarchiv: Schumacher)
Obwohl man fernab der großen Welt lebte, muss im Hause Steinhauer ein Geist gelebt haben, der sehr fortschrittlich war und den die kleine, mitfühlende Tochter mit ihrer feinsinnigen Anlage aufgesogen hatte. Die Eltern förderten Johanna auf bemerkenswerte Weise und werden überlegt haben, wie sie ihrem Kind ein gutes Leben ermöglichen können. Etwa mit zehn Jahren brachten Vater oder Mutter Johanna täglich, bis sie alleine reisen konnte, nach Köln in eine Schule für Taubstumme. (Heute benutzt man das Wort nicht mehr, denn die Sprache kann erlernt werden. Taub wird im Alltag oft mit dumm gleichgesetzt, was keinesfalls richtig ist, deshalb benutzt man die Worte schwerhörig oder gehörlos).

Johanne Steinhauer als junges Mädchen. Foto: J. Fuchs (aus Familienarchiv: Schumacher)
Die Bekanntschaft mit der neuen Welt war für Johanna nicht einfach, oft weinte sie sich bei Katherine aus. Aber immer mehr kam ihr Schöngeist zu Tage, die Kunst in all ihren Formen hatte es ihr angetan - Literatur, Musik, insbesondere Orgelmusik (sie erfasste Musik durch Beobachtung des Instruments und Vibration), bildende Kunst - sie liebte die schönen Dinge und umgab sich mit ihnen. Genau wie die Mutter entwickelte sie sich zu einer großen, attraktiven Frau, die großen Wert auf ein elegantes, gepflegtes Äußeres legte. Die Eltern schenkten ihr eine Kamera, und bereits im Ersten Weltkrieg entwickelte sie eigene Fotos. Sie ließ sich zur Fotografin ausbilden und legte 1930 ihre Meisterprüfung bei Professor Böhm in Köln ab.
Währenddessen hatte Katherine, die wie eine Schwester für sie war, 1916 die Zwillinge Elli und Ewald geboren, und Johanna wurde Patin. Elli Nosbach, heute fast 86 Jahre alt, erinnert sich, „mein Bruder und ich haben sie geliebt, nie durften wir Tante sagen, immer nur Johanne“. Es war nach der Ausbildung als Johanna zu Elli sagte: „Ich habe es geschafft, ich bin ein anderer Mensch geworden.“ Mittlerweile konnte Johanna, die ihren Namen in das weichere Johanne umgewandelt hatte, sich sprachlich gut verständigen.
Stolz auf ihre Leistung, richtete Johanne sich im Haus der Eltern ein geschmackvolles Atelier ein und kaufte einen schlanken, dunklen Opel, mit dem sie Kunden besuchte. Als ausgezeichnete Fotografin erhielt sie Preise, unter anderem in der Schweiz. Bekannte Fotos sind die Aufnahme des alten Glöckners Nosbach aus Rosbach oder der Schmiede aus Sieg bei der Arbeit. In Zeitschriften wie der Münchner Illustrierten wurden Aufnahmen veröffentlicht.

Der alte Glöckner Nosbach von Rosbach. Foto: Johanne Steinhauer
Johanne Steinhauer hatte sich zu einer Person entwickelt, der man mit Respekt begegnete, und die in ihrem Beruf sehr anerkannt war. Gerne lachte sie und nahm an Gesellschaften teil, beschränkte jedoch engere persönliche Kontakte auf den Familienkreis. Ihr Patenkind erinnert sich an eine unabhängige, bodenständige, zufriedene Frau, die sich nicht unterordnen wollte und von sich sagte, dass sie nie heiraten wolle. Bei der Kommunikation mit Menschen war sie auf deren Geduld und Wohlwollen angewiesen. Außer den beiden Patenkindern, deren Fingersprache sie verstand, beherrschte niemand die Gebärdensprache. Sie las von den Lippen und Menschen, die nicht viel mit ihr zu tun hatten, taten sich oftmals schwer sie zu verstehen, was sie wiederum wütend machte.
Der Bombenangriff auf Rosbach 1945 zerstörte das Atelier von Johanne Steinhauer, Amerikaner entwendeten ihre Studioeinrichtung. In ihrer Verzweiflung half ihr Otto Wille, ein Kollege aus Waldbröl. Im neuen Atelier arbeitete sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1961.
Leben ohne Fotoapparat
von Inge Holtmann, geb. Döring
Wir besaßen keinen, darum war das „Zum-Fotografieren-gehen-bei-Frau-Steinhauer“ für uns Kinder ein besonderer Termin im Jahreslauf. Süße Kinder, liebe Geschwister, ein passender Weihnachts- und Geburtstagsgruß für alle Omas, Tanten und Verwandten. Ein aufregendes Unternehmen für uns. Sonntagskleider an einem Alltag, eine nicht alltägliche Frisur, Wanderung nach Rosbach an einem Alltag und nicht zum Gottesdienst am Sonntag.

Herzallerliebst von Johanne Steinhauer abgelichtet und als Weihnachtspost an die Verwandtschaft geschickt: die jungen Damen aus dem Hause Döring, Inge und Anne Maja im Jahr 1941.
Das Atelier war eine Wunderwelt mit seinen schönen Möbeln und Blumenbouquets und den unbekannten Apparaten, hinter denen Frau Steinhauer mit einem Tuch bedeckt verschwand.
Und diese Frau Steinhauer: Eine stattliche und schöne Frau, für uns Kinder damals eine seltene Empfindung. Die Erinnerung ist verschwommen. Schemenhaft steht eine große dunkle Gestalt vor mir mit einer elegant aufgesteckten Haarpracht. Ihre freundliche Ausstrahlung, trotz der Sprachprobleme, lassen unsere unverkrampft offenen Kindergesichter auf ihren Fotos erkennen. Sie war eine besondere und wichtige Persönlichkeit für uns. Wir mochten sie, ihre Umgebung und ihre Fotos!
Die Fotografin
von Frieder Döring
Meine erste Erinnerung an Johanne Steinhauer stammt aus der Vorweihnachtszeit 1948, als wir mit unserer Mutter zum Fototermin bei ihr waren. Alle in Sonntagskleidung und zu Fuß nach Rosbach in ihr Souterrain-Atelier an der Rathausstraße. Die elegant gekleidete und liebenswürdige Fotografin kommunizierte mit uns mit melodischen Lauten und vielfältigen Gesten, womit unsere Mutter keine Probleme hatte. Wir Kinder staunten nur. Dazu die vielen hellen Lampen, das aufgeputzte schöne Atelier, der riesige Fotoapparat auf dem Dreibeinstativ, hinter dem die Fotografin unter einem Tuch verschwand. Und dann das Vögelchen! Und obwohl der Blitz mich blendete - ich hab‘s gesehen!

Im Fotostudio war was los, wenn Mutter Anni Döring mit dem goldigen Nachwuchs anrückte. 1948 strahlten nun auch noch die reizenden Brüder Ernst-Joachim und Frieder fürs Vögelchen. Foto: Johanne Steinhauer

Da wollte Opa Friedrich Wilhelm Pickhardt (1873 - 1952) nicht nachstehen, perfekt gestylt ließ er sich 1948 ablichten.
Foto: Johanne Steinhauer
Zu guter Letzt
von Sylvia Schmidt
Dieses Kinderbild meiner Mutter, Margret Langen, habe ich mir oft angeschaut. Erst jetzt, bei der Vorbereitung zum Buch, fiel mir der Stempel auf der Rückseite auf. Die Fotografie ist von 1933 und noch steht „Johanna“ und nicht „Johanne“ Steinhauer, Photographin, Rosbach (Sieg) auf der Karte.


Und hier ist meine Mutter Margret Schmidt, geb. Langen mit ihrer Schwester Gisela abgelichtet worden.
Beide Fotos: Johanne Steinhauer
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